Eine Frau in der Wissenschaft

Lise Meitners Leben als unaufgeregte Biographie

Cover "Lise Meitner. Pionierin des Atomzeitalters"
c Residenz Verlag

Oft werden uns Frauen, die sich ihren Platz in der Welt erst erkämpfen müssen, genau so dargestellt: Als Kämpferinnen und mutige Pionierinnen. David Rennert und Tanja Traxler widerstehen dieser Versuchung des einfachen Schwarz-Weiß. In ihrer Biographie über Lise Meitner, die eine der Entdecker*innen der Kernspaltung war, zeigen sie eine Frau voller menschlicher Ambivalenzen. Gerade darum ist “Lise Meitner. Pionierin des Atomzeitalters” ein tolles Buch, das sich zwar nicht explizit an Jugendliche richtet, auf jeden Fall aber von diesen gelesen werden sollte.

Klar, das Thema des Frau-Seins und der Geschlechtergerechtigkeit spielen fast auf jeder Seite dieses Buches eine Rolle. 1906 war Meitner erst die zweite Frau, die in Wien in Physik erfolgreich promovierte. Ihr gesamtes Berufsleben verbrachte sie fast nur mit Männern, wie auch die Fotos, die dem Buch am Ende beigefügt sind, eindrücklich illustrieren. Trotzdem reflektierte Meitner erst in den 1950er Jahren so richtig, wie viel sie der Frauenbewegung zu verdanken hatte. Ja, Rennert und Traxler stellen sogar fest, dass Meitner zunächst in Berlin, wo sie ab 1907 arbeitete, die Vorurteile gegen Frauen selbst reproduzierte. – Vielleicht lag es daran, dass Meitner selbst sich nicht auf eine Opferrolle reduziert wissen oder zu sehr von der Wissenschaft ablenken wollte. Es gehört jedoch zu den Stärken dieser Biographie, dass darüber gar nicht erst spekuliert, sondern einfach festgestellt wird, dass Meitner hier erst nach und nach einen Sinneswandel vollzog und nie zur kämpferischen Feministin wurde.

Von der Möglichkeit, die Meinung zu ändern

Ein ebenso krasser Sinneswandel wird im Wechsel vom Ersten zum Zweiten Weltkrieg deutlich. Meldete sich Meitner als österreicherische Staatsbürgerin im Ersten Weltkrieg noch freiwillig als Röntgenschwester und verfocht sie sogar noch nach Kriegsende großdeutsche Ideen mit einem Zusammenschluss von Österreich und Deutschland, wandelte sich dieses Weltbild nach und nach. Die Kriegsbegeisterung war wahrhaftig schon vorbei, sobald sie die ersten verletzten Soldaten sah. Meitner selbst stammte aus einer jüdischen Familie und geriet so nach 1933 zunehmend unter Druck. Dennoch floh sie erst 1938 – dann schon ohne gültigen Pass und mit hohem Risiko – aus ihrem Arbeits- und Lebensumfeld Berlin. Das Exil verbrachte sie in Stockholm, wo sie gemeinsam mit ihrem Neffen Otto Robert Frisch das Rätsel um Otto Hahns Entdeckungen zu zerfallenden Atomen löste und somit gemeinsam mit ihrem langjährigen Kollegen auch über die Grenzen des Exils hinweg die Kernspaltung entdeckte. – Dennoch ging der Nobelpreis für diese Erkenntnis nur an Hahn. Eine Tatsache, die aber nicht nur Meitners Geschlecht zuzuordnen ist, sondern auch dem innerwissenschaftlichen Kampf um Pfründe und Gelder.

Eine Biographie als Spiegel des 20. Jahrhunderts

So ist „Lise Meitner. Pionierin des Atomzeitalters“ furchtbar vieles. Einerseits erklärt das Buch anschaulich und verständlich die physikalischen Prozesse, zu denen Meitner arbeitete – hier ist sicherlich Tanja Traxler zu danken, die selbst Physik studierte. Andererseits weist diese Biographie eindrücklich auf Entwicklungen der Frauengeschichte hin, ohne dabei Opfernarrative oder Grabenkämpfe zu simplifizieren. Und zu guter Letzt legen Rennert und Traxler hier Wissenschaftsgeschichte vor, die deutlich macht, wie viel auch im Bereich der Naturwissenschaften das Menschliche ausmacht. Das Buch richtet sich, wie gesagt, nicht explizit als Jugendliche, ist aber aufgrund von Umfang und Schreibart ein klassischer All-Ager und absolut gewinnbringend zu lesen. Gerade die Zeitläufte, die Lise Meitners Leben umspannt, zeigen die Umbrüche des 20. Jahrhunderts hautnah an einem menschlichen Schicksal. Die persönlichen Verluste, die Krieg, Rassenhass und Judenverfolgung, verursachten, werden so konkret.

Sprache 5/5
weiterführende Tipps 5/5

David Rennert / Tanja Traxler: Lise Meitner. Pionierin des Atomzeitalters. Salzburg-Gnigl: Residenz 2018. ISBN: 9783701734603. € 24.

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