Woher kommt dieser Mut?

Sharon Camerons “Das Mädchen, das ein Stück Welt rettete”

Cover "Das Mädchen, das ein Stück Welt rettete"
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Um es gleich vorweg zu sagen: Ich habe dieses Buch durchgesuchtet. Und hatte die ganze Zeit einen Klumpen aus Angst und Anspannung im Bauch. Sharon Cameron erzählt in “Das Mädchen, das ein Stück Welt rettete. Nach einer wahren Geschichte” von Stefania und Helena Podgórska, Max Diamant und zwölf weiteren Jüd*innen, die die nationalsozialistische Besatzung Polens auf dem Dachboden der Podgórskas überleben.

Stefania, die von ihren Freund*innen liebevoll Fusia genannt wird, ist die Ich-Erzählerin der Geschichte. Als junges Mädchen kommt sie nach Przemyśl und arbeitet dort bei der Familie Diamant. Schnell wird sie wie ein Familienmitglied behandelt, verliebt sich in den Sohn Izio. Doch dann kommen die Deutschen. Die Söhne der Familie Diamant versuchen zu fliehen, doch sie können nicht entkommen. Fusia versucht, was sie kann, schmuggelt Essen ins Ghetto, überbringt Nachrichten. Dann wird auch noch ihre Mutter zur Zwangsarbeit nach Deutschland verschleppt und Fusia findet ihre kleine Schwester misshandelt bei angeblichen Freund*innen der Mutter. Also kommt Helena mit in die Stadt – und das ist ein Glück, denn mehr als einmal rettet sie Fusia und die Versteckten. Denn ab 1942 helfen die beiden Mädchen nach und nach dreizehn Menschen, sich vor den Nazis zu verstecken. Atemlos habe ich diese Geschichte gelesen. Die vielen Bedrohungen. Die vielen Risiken. Die vielen Momente, in denen alles hätte schief gehen können.

Vor allem ist diese Geschichte, die auf einer wahren Begebenheit beruht, aber natürlich auch eine Frage nach: Wie schaffen sie das nur? Wie entscheiden sie sich jeden Tag aufs Neue, durchzuhalten? Das Risiko einzugehen? Auch Fusia selbst stellt im Roman diese Frage. Von außen betrachtet scheint es mehr ein Hineinschlittern zu sein. Ein direktes Angesprochen-Werden und dann Reagieren. Ein Umgang mit Problemen, die so viele sind, dass eben immer nur das erste angegangen werden kann. Millimeter auf Millimeter fahren hier alle auf Sicht und tun ihr Bestes.

Sharon Cameron hat hier in unglaublich berührendes Buch geschaffen, das zudem im Nachwort die detailreiche Recherche beschreibt und klar macht, wo sie wie mit den historischen Gegebenheiten umgegangen ist, um daraus einen zusammenhängenden Roman zu schaffen. Ein perfekter Umgang mit dem Spagat zwischen Fakt und Fiktion. Das Buch hat mich sehr nachdenklich zurückgelassen. Dass Held*innen hier in all ihrer Verletzlichkeit, ihrem Zweifel, ihrer Alltäglichkeit sichtbar gemacht werden, dafür ist Sharon Cameron zu danken!

Sharon Cameron: Das Mädchen, das ein Stück Welt rettete. Nach einer wahren Geschichte. Aus dem Amerikanischen von Katharina Förs und Naemi Schuhmacher. Insel 2020. ISBN 978-3-458-17880-4. €18.

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