Ziviler Ungehorsam und gewaltfreier Widerstand – Vom Leben Martin Luther Kings

Cover I have a Dream. Das Leben des Martin Luther King

Martin Luther King ist sicherlich der bekannteste Bürgerrechtler der USA. Doch seine Biographie beginnt nicht mit ihm, sondern mit Barack Obama und das ist genau richtig. Denn auch wenn die Ermordung Kings gerade einmal fünfzig Jahre zurück liegt, scheinen doch Ewigkeiten zwischen Kings Tod 1968 und der Wahl Obamas zum Präsidenten der USA zu liegen. Umso wichtiger ist es, sich genau diesen Sprung bewusst zu machen. Zu fragen, wie diese Wahl überhaupt möglich wurde. Und das ist sicherlich King und seinen Mitstreiter*innen zu verdanken. Das wird – bei aller Vorsicht in Bewertungen, die Alois Prinz in seiner Biographie “I have a Dream” über King, die der Verlag Gabriel ab einem Alter von 13 Jahren empfiehlt, deutlich.

Eine klassische erzählte Biographie

Alois Prinz erzählt das Leben seines Protagonisten klassisch. Es ist zu merken, dass Prinz bereits mehrere Bücher dieser Art verfasst hat. Gekonnt zieht er die Register des biographischen Erzählens, macht Halt an besonders wichtigen Lebensstationen, fokussiert mal enger auf King selbst, um dann wieder weiter auszuholen und das Milieu, in dem er sich aufhielt, zu zeichnen. Ein wenig verwunderlich ist, dass recht wenig darauf eingegangen wird, wie King rezipiert wurde. Klar, Gedenkstätten kommen genauso vor wie die zahlreichen Menschen, die ihn bei seinen Predigten hören wollten. Doch was ist mit medialer Berichterstattung? Wie wurde King zum Beispiel auch in Deutschland wahrgenommen? Wurde die Frage der Diskriminierung von Afroamerikaner*innen hier überhaupt diskutiert? Besonders interessant scheint, dass die Rolle, die die Bürger*innenrechtsbewegung auch im Kalten Krieg spielte, gar nicht so richtig thematisiert wird. Nur bei einem kurzen Abstecher Kings in die DDR scheint diese Dimension seines Kampfes kurz auf.

Das Buch kommt ohne aufwändige Gestaltungstechniken aus. Es gibt keine Infokästen oder gesonderte Einschübe, die beispielsweise Positionen Kings referieren. Stattdessen erzählt Prinz wie aus einem Guss. Die Überzeugungen Kings, die beispielsweise aus seinen Predigten heraus analysiert und wiedergegeben werden, fließen direkt in den Text ein und schaffen ein organisches Bild einer Person und ihres Umfeldes. Ein wenig schade und irritierend ist dabei gelegentlich, dass bei solchen Passagen das Präsens, nicht jedoch der Konjunktiv I, wie zur Wiedergabe indirekter Rede üblich, gewählt wurde. Gelegentlich wäre sogar das Beibehalten des Präteritums sinnvoller gewesen. So entstehen immer wieder ganz leichte Brüche im Lesefluss, die zudem manche Passagen etwas zu vereinnahmend wirken lassen.

Transparente Quellenarbeit

Doch das ist auch alle Kritik, die an diesem ansonsten wirklich gut erzählten Buch geübt werden soll. Prinz holt uns bei unserer aktuellen Erfahrung ab, nimmt uns mit auf die Lebensreise Kings und stellt ihn als Idealisten vor, dessen symbolische Bedeutung schon schnell über ihn hinauswuchs. Kings physische und psychische Überforderung, seine Opferbereitschaft und sein Elan, die Tatsache, dass er zwar Symbolfigur aber alles andere als ein Einzelkämpfer war, sondern vielmehr von einer Bewegung, von zahlreichen mutigen Menschen getragen wurde, alles das wird hier deutlich. Kings Reden, seine brilliante Rhetorik spielen eine wichtige Rolle, wie ja auch schon der Buchtitel „I have a dream“ erahnen lässt. Besonders gilt es dabei zu loben, dass der Band nicht nur eine Zeittafel und allgemeine Literaturtipps liefert, sondern auch Zitate dezidiert nachweist, so dass auch größere Zusammenhänge leicht nachrecherchiert werden könnten.

Anknüpfung zum Hier und Jetzt

Zum Abschluss fragt Prinz nach Kings Erbe und problematisiert die aktuelle Situation von Afroamerikanerinnen. Er verweist aber auch darauf, dass Martin Luther King beispielsweise profunde Kapitalismus-Kritik übte und fragt, an welchen aktuellen politischen Debatten er sich wohl noch beteiligen würde. So aktualisiert Prinz den Protagonisten von damals für heute. Diese Biographie erzählt keine Heldengeschichte, sondern das Leben eines Mannes, der früh auf ein Podest gestellt wurde und manchmal selbst davon überfordert war, doch aus seinem Glauben Kraft schöpfte, die an ihn gerichteten Erwartungen zu erfüllen und sich für eine höhere, gerechte Sache einzusetzen. Sein rednerisches Talent half ihm dabei, Menschen von seinem Traum zu überzeugen. Gerade weil dieser Traum nach wie vor nicht voll eingelöst ist, ist es sinnvoll, sich mit King und seinem Kampf auseinanderzusetzen. Alois Prinz hat dafür eine nahezu perfekte Möglichkeit geschaffen.

Gestaltung 5/5
Sprache 3/5
Didaktik 5/5
weiterführende Tipps 5/5
Handlung 5/5

Alois Prinz: I have a Dream. Das Leben des Martin Luther King. Stuttgart: Gabriel 2019. ISBN 978-3-522-30520-4. Ab 13 Jahren. € 17,00.

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