Ein richtig echtes Wendebuch, nur ohne Wende

„Das Mauerschweinchen“ erzählt Kindheit im geteilten Berlin

Cover "Das Mauerschweinchen"
c cbj

Wie ist das eigentlich, in einer geteilten Stadt aufzuwachsen? Katja Ludwigs Protagonist*innen kriegen das aus allernächster Nähe mit. Denn Aron und Nora wohnen auf der Wolliner Straße, die von der Mauer geteilt wird. Während Nora vom Westen auf die Mauer schaut und ständig neue Witze auf die Betonwände gesprüht sieht, ist Aron im Osten zuhause und blickt auf einen Hochsicherheitsapparat.

Anders als bei anderen Wendebüchern werden sich die beiden Kinder in dieser Geschichte nicht kennenlernen. Vielmehr ist das Buch ein richtig echtes Wendebuch: Vom einen Cover losgelesen bis zur Mitte findet sich Noras Geschichte, vom anderen bis zur Mitte Arons. Oder umgekehrt. Nur das, was wir heute umgangssprachlich “Wende” nennen, findet im Buch nicht statt. Berlin ist auch am Ende der Geschichte noch geteilt.

Ost- und Westberlin im Alltagskontrast

Arons Eltern sind überzeugte Mitglieder der SED und durften für ihre Arbeit nach Moskau reisen. Aron ist daher bei seiner Großmutter untergekommen. Der schüchterne Junge, der in seiner Freizeit am liebsten allein Fluggeräte entwickelt und davon träumt, damit später Heldenruhm in der DDR zu ernten, gerät durch Zufall in ein echtes Abenteuer hinein. Denn die Nachbarsfamilie darf plötzlich ausreisen. Nur das Meerschweinchen Bommel bleibt zurück – und wird von einer Nachbarin gefunden, die das arme Meerschwein als Delikatesse braten will. Klar, dass Aron da trotz all seiner Angst anzuecken, etwas unternehmen muss!

Nora dagegen lebt im Vergleich zu Aron im Luxus. Eigentlich hat sie alles, was sie braucht. Bloß, dass ihre Eltern ihr nicht erlauben, ein eigenes Haustier zu halten. Und dass die Zicken in ihrer Klasse sie deswegen mobben. Sogar ihre beste Freundin Susanne ist auf einmal so anders… Nora tut alles dafür, ein eigenes Meerschweinchen halten zu dürfen. Doch am Ende kommt ihr vor allen Dingen ein riesengroßer Zufall zur Hilfe.

Ganz normale Kindheitswünsche: Freund*innen und Haustiere…

Katja Ludwig gelingt es, sehr lebensnah von ihren Held*innen zu erzählen. Wut und Angst, Engstirnigkeit und Trotz, aber auch Mut und Spaß und Freundschaft geben sich hier die Hand. Da wird jede Menge Identifikationspotenzial geboten und durch die Gestaltung als echtes Wendebuch, ist das getrennte Berlin gewissermaßen im Leseerlebnis eingeschrieben. Dass Nora und Aron sich nie begegnen, ist ein Clou, der alle Beschreibungen der Mauer viel stärker erleben lässt. Ein spannend und leicht zu lesendes Abenteuer, das trotzdem nicht an Tiefgang spart. Schade bleibt nur, dass nicht mehr Infos zum Weiterlesen geboten werden – aber hier handelt es sich ja nicht um ein Sachbuch.

Gestaltung 5/5
Sprache 5/5
weiterführende Tipps 0/5
Handlung 5/5

Katja Ludwig: Das Mauerschweinchen. Mit Vignetten von Uwe Heidschötter. Cbj 2019. Ab 9 Jahren. ISBN 978-3-570-17599-6, €13.

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