Deutsche Geschichte mit Zeitzeug*innen

„Mein Mauerfall“ erzählt die Nachkriegsgeschichte

Cover - Mein Mauerfall
c arsEdition

Erst der Untertitel „Von der Teilung Deutschlands bis heute“ setzt „Mein Mauerfall“ ins richtige Bild, denn um den geht es wirklich nur am Rande. Stattdessen erzählt Juliane Breinl in diesem Kinderbuch ab 10 Jahren von der Vor- und Nachgeschichte des Mauerfalls und nimmt direkt Bezug auf das 30-jährige Jubiläum. Wie schon bei „Mein Opa, sein Holzbein und der große Krieg“ und „Paul und der Krieg“ setzt arsEdition hier auf Quellennähe. Leider ist die Geschichte aber weniger persönlich umgesetzt und verliert sich so im Spagat zwischen verschiedenen Ebenen.

Die eigentliche Geschichte erzählt uns der fiktive Theo, dessen Familie sich zum 50. Geburtstag seiner Mutter und seiner Tante trifft – die Zwillinge sind in Ostdeutschland aufgewachsen und durch die Familie geht ein Spalt: die eine Hälfte verklärt die DDR, die andere ist mehr als froh über die Wende.

Geteilte Erinnerungskultur

Es ist die große Stärke von „Mein Mauerfall“, dass diese Perspektiven und unterschiedliche Facetten der Erinnerung an die DDR auf diese Weise aufgenommen und reflektiert werden. Leider ist die Erzählebene sonst mitunter etwas anstrengend – gerade zu Beginn wirkt Theos Ton etwas unangenehm anbiedernd an jugendliches Verhalten. Unheimlich viel Inhalt wird außerdem über die Beschreibung von fiktiven youtube-Filmen vermittelt. Da hätte eigenes Entdecken Theos vielleicht ganz gut getan, um die Leser*innen auf Ideen zu bringen, wo sie selbst recherchieren könnten, statt alles nur schon perfekt aufbereitet zu konsumieren. – Von der leicht sexistischen Darstellung der „Assistentin“ des Hauptmoderators der Clips ganz zu schweigen.

Quellennähe ohne Transparenz

Buch steht vor Sektorschild "Sie verlassen jetzt West-Berlin"

Gerade im Vergleich der anderen hier schon rezensierten Geschichtsbücher von aus dem Hause arsEdition fällt „Mein Mauerfall“ eben genau deshalb ab: Werden sonst dezidierte Hinweise auf die Quellen gegeben, fehlt das hier im Haupttext, auch gibt es keine weiteren Lesetipps oder Recherchehinweise. Nur vereinzelt wird auf Museen und Ausstellungen hingewiesen, selbst wenn das Bild klar Ausstellungsstücke zeigt. So wir die Lust zur eigenen Recherche gleich ein wenig gehemmt. Dass außerdem nicht ganz klar wird, wie die Zeitzeug*innenberichte nun eigentlich in den Text kommen – wer sie also gesammelt und ausgewählt hat, und warum, trägt zur Quellenferne bei und macht das Buch mehr zu einem bunten Sammelsurium. – Als solches ist es aber durchaus spannend zu lesen. An manchen Stellen wäre allerdings mehr Recherche und klarere Erzählhaltung toll gewesen: Dass beispielsweise der Kalte Krieg eben nicht kalt war, wird zwar irgendwie deutlich, der Zynismus des Begriffs, sein Eurozentrismus allerdings null reflektiert, beziehungsweise die beiden Ebenen völlig unkommentiert nebeneinander gestellt. Ein anderes Beispiel ist die Geschichte der Treuhand, die gewissermaßen als reine Erfolgsgeschichte erzählt wird. – Insgesamt kommt, wenn schon der Versuch gemacht wird, die Zeit nach der Wiedervereinigung mitzuerzählen, diese viel zu kurz und bezieht aktuelle Forschungsergebnisse, die es ja mittlerweile in der Zeitgeschichte durchaus und immer mehr gibt, zu wenig ein.

„Mein Mauerfall“ ist da stark, wo der Text Zeitzeug*innen zu Wort kommen lässt und wo er deutlich macht, wie unterschiedlich die Ereignisse der Wiedervereinigung oder das Leben in der DDR selbst in einer Familie wahrgenommen werden konnten. Ein wenig mehr geschichtsdidaktische Überlegungen und Recherche hätten dem Buch aber alles in allem gut getan. So ist es ein bunter Überblick für Interessierte, ein komfortables Sprungbrett zur weiteren Recherche aber ist es nicht.

Gestaltung 4/5
Sprache 5/5
Didaktik 4/5
weiterführende Tipps 2/5
Handlung 3/5

Juliane Breinl: Mein Mauerfall. Von der Teilung Deutschlands bis heute. Ab 10 Jahren. München: arsEdition 2019. ISBN: 978-3-8458-3191-6. € 15.

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