Faszination Schmetterling

“Maria Sibylla Merian” von Maja Nielsen und Sophie Schmid

Cover "Maria Sibylla Merian"
c Gerstenberg

Frauen als Naturforscherinnen? Dass es das schon vor Jane Goodall gab, dürfte nur wenigen bekannt sein. Und dann geht es hier auch noch um Insekten – da quietschen Mädchen normalerweise doch nur! Was ich sagen will: Maja Nielsens und Sophie Schmids “Maria Sibylla Merian. Die Reise ins verborgene Reich der Schmetterlinge” ist ein rundum tolles Buch – ein feministischer Appell für Natur- und Artenschutz.

Für Maria Sibylla Merian war der Weg zur Naturforscherin auch keineswegs geradlinig. Maja Nielsen erzählt ausführlich, wie sich schon das kleine Mädchen für Raupen und Schmetterlinge interessiert und sich gegen alle Widerstände zur etablierten Forscherin entwickelt. So wird eine breite Identifikationsfläche geschaffen, die auch im zweiten Teil des Buches, der Forschungsreise in Surinam, trägt. Denn die 1647 geborene Sibylla reist 1699 begleitet von ihrer Tochter Dorothea nach Surinam, um die dortige Tierwelt zu zeichnen und zu dokumentieren. Um die Reise zu finanzieren, verkaufte sie weite Teile ihres Besitzes. Dass ihre Forschungen einen Grundstein bis heute legen, zeigt die Information, dass die “Vogelspinne” nach einer Zeichnung Merians benannt ist – diese hatte die Spinne als erste wissenschaftlich beschrieben und mit der dazugehörigen Zeichnung gezeigt, wie das achtbeinige Wesen einen kleinen Vogel tötete.

Markierte Fiktionalität

Die Textebene funktioniert einerseits als glatte, chronologische Erzählung, wird aber andererseits durch graphisch abgehobene Informationstexte ergänzt. Hier lernen wir etwa den Unterschied zwischen Spinnen und Insekten kennen, Nielsen nutzt das Element aber auch, um zu kennzeichnen, wo sie möglicherweise etwas freier in der Gestaltung war. So erklärt sie, dass sie der indigenen Frau, die die Merians zurück in die Niederlande begleitete, einen Namen gegeben hat – Nielsen hat ihre Rolle gut betont, was dem Buch eine angenehme Reflexionsebene rund um das Thema Kolonien hinzufügt. Auch die Themen Versklavung und Zuckeranbau werden nicht ausgespart, sondern immer wieder eingeflochten und zeigen so die gesellschaftlichen Grundstrukturen, in denen sich Merian bewegte. Über Sachtexte im Anhang wird zum einen das Leben Maria Sibylla Merians noch einmal distanzierter erzählt, andererseits wird für Insektenforschung und überhaupt einen offenen Blick auf die Natur geworben. – Absolut rund und überzeugend.

Ein Extra-Absatz soll hier aber auch der Gestaltung gelten. Sophie Schmid ist es gelungen, ein wirklich wunderbares Buch zu schaffen, das immer wieder auf die Bilder Merians zurückgreift und gleichzeitig Eigenes schafft. Zwischen nachempfundenen Kupferdruck und bunter, großflächiger Illustration ist hier alles möglich und zieht ins Buch, lässt uns an der Faszination für Insekten teilhaben. Großartig!

Handlung 5/5
Gestaltung 5/5
Didaktik 5/5
weiterführende Tipps 5/5

Maja Nielsen (Text) / Sophie Schmid (Illustration): Maria Sibylla Merian. Die Reise ins verborgene Reich der Schmetterlinge. Ab 10 Jahren. Gerstenberg 2022. ISBN: 978-3-8369-6139-4. €20.

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