Ruhrpott ohne Romantik

Ralf Rothmanns „Milch und Kohle“

Cover Milch und Kohle Büchergilde
Büchergilde

Simon ist 15 und viel jünger sollten die, die seine Geschichte lesen, wohl auch nicht sein, denn „Milch und Kohle“ ist kein ausgewiesener Jugendroman. Dennoch habe ich ihn in diese Serien aufgenommen, weil die Büchergilde eine ausgesprochen wunderbar gestaltete Ausgabe des Textes von Ralf Rothmann herausgebracht hat, die durch die ausdrucksvollen Illustrationen von Jörg Hülsmann das Ruhrgebiet der 1960er Jahre greif- und erlebbar macht.

Das Cover des Bandes lässt es schon erahnen: Der mittlerweile in der Erinnerungskultur des Ruhrgebiets zur romantischen Ikone erhöhte Förderturm ragt da in den grauen Himmel und doch wirkt das Bild eher düster, nur leichte, weiche Wolkenfetzen erhellen das Bild. Und genauso ist auch die Erzählung: Weg vom gemütlichen Multikulti hin zum tatsächlichen Erleben eines Fünfzehnjährigen. Simons kleiner Bruder leidet an Epilepsie, aber so richtig kümmert sich niemand darum.

Das Ruhrgebiet als Melting Pott

Die Eltern kommen ursprünglich aus den Ostgebieten, sind auf Drängen der Mutter ins Ruhrgebiet gekommen, weil sie sich dort ein besseres Leben erhoffte und da sitzt sie nun, raucht eine Zigarette nach der anderen, geht tanzen, träumt vom großen Glück und kehrt dann doch in die Alltäglichkeit von Kleinbürgertum und Sauerbraten zurück, während der Vater so viel schuftet, dass er in den Geschichten zumeist enttäuscht, müde und verhärmt als Randfigur auftaucht. Eines Tages bringt er italienische Gastarbeiter mit nachhause, die ein Festmahl zubereiten. – Gleich kommen die Nachbar*innen hinzu, aber ach, „Die Nudeln sind ja gar nicht gar!“ – Ralf Rothmann wertet hier nicht. Er lässt uns einerseits das tatsächlich bunte Leben des Ruhrgebiets als „Melting Pott“ spüren, andererseits macht er aber auch deutlich, dass Integration und miteinander eben nicht „mal eben“ waren, Fremdheitsgefühle zum Leben dazu gehörten – und nicht gleich zu Hass und Eskalation führten. Zugleich ist die Abgestumpftheit von der harten körperlichen Arbeit so groß, dass vieles hinten über fällt.

Eine Jugend ohne Helikoptereltern

Gleichzeitig erlebt Simon die üblichen Coming of Age Momente: Ein langsames unabhängig-Werden von den Eltern. Erste Sexualerfahrungen. Zweifel am bisher eingeschlagenen Lebensweg. Vor allem aber beobachtet er: Die Aggressivität, die vor allem in seinem Bruder und seinem besten Freund schlummert. Die Selbstzerstörungskraft, die in seiner Mutter schlummert. Die ewige Suche nach Glück und das Scheitern der Menschen um ihn herum.

„Milch und Kohle“ ist kein Roman, der die allgegenwärtige Ruhrpott-Romantik trägt. Gleichwohl ist er – genau wie die kongenialen, wirklich berührenden Illustrationen von Jörg Hülsmann – nicht ausschließlich düster. In dieser Ambivalenz ist der Text allen zu empfehlen, die das Ruhrgebiet lieben, aber auch denen, die die Vergangenheit und die Erzählungen vom Leben im Pott besser verstehen und kontextualisieren wollen. Das Ende der 1960er Jahre jedenfalls ist hier textlich wie bildlich eingefangen.

Gestaltung 5/5
Sprache 5/5
Handlung 5/5

Ralf Rothmann: Milch und Kohle. Illustriert von Jörg Hülsmann. Frankfurt am Main: Büchergilde Gutenberg 2019. ISBN: 978-3-7632-7033-0. € 26.

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