Glaube und Religion

„Jeder soll von da, wo er ist, einen Schritt näher kommen“ von Navid Kermani

Cover "Jeder soll von da, wo er ist, einen Schritt näher kommen"
c Hanser

Zugegeben, das neue Jugendbuch Navid Kermanis passt nicht hundertprozentig in diesen Blog, ist es doch vor allem ein Buch über Glaube und Religion. Doch da es ein kluges Buch über diese Themen ist, kommt es nicht ohne historische Rückbezüge aus und so habe ich mir trotzdem erlaubt, „Jeder soll von da, wo er ist, einen Schritt näher kommen“ hier zu besprechen. Das Buch wird vom Verlag für Menschen ab 14 Jahren empfohlen.

Die Empfehlung ist hoch angesetzt, aber sicherlich sinnvoll, denn Kermani verlangt seinen Leser*innen einiges an Reflexion ab. Das Buch ist wie ein Gespräch zwischen dem schreibenden Ich und seiner Tochter aufgebaut und wechselt zwischen Alltagsfragen des Mittagessens hin zur menschlichen Unfähigkeit, die Ewigkeit zu begreifen. Kermani schreibt im Buch vor allem über den Islam, geht aber immer wieder auch auf andere Weltreligionen ein, am häufigsten sicher auf das Christentum.

Religionsbeziehungen, Religionsvergleiche, Religionsgeschichte

In seinen Vergleichen legt er Wert auf Unterschiede und Gemeinsamkeiten, ähnliche Entwicklungen und Beeinflussungen, macht deutlich, wie eng religiöse Praxis miteinander verwoben sein kann. So bezieht er sich etwa auf eine Befragung der britischen Kolonialmacht in Indien 1911, bei der die Einwohner*innen ihre Religion angeben sollten. Da viele nicht wussten, ob sie nun Hindu oder „Mohammedaner“ waren, entschieden sie sich entweder dafür, gar nichts anzukreuzen, oder aber fügten „Hindu-Mohammedaner“ handschriftlich hinzu. Und so ist dieses Buch vor allem eines: Eine kluge Argumentation für Toleranz und respektvolles Miteinander. Es ist aber auch eine Reflexion darüber, welche Funktion Glaube für Menschen erfüllt und wie wir uns zur Welt in Beziehung setzen.

Kermani klärt an vielen Stellen auf – zur gleichberechtigten Rolle der Frauen im Koran etwa – macht auf die Lächerlichkeit aufmerksam, wenn Gesetze aus der Entstehungszeit des Korans eins zu eins ins Heute übertragen werden sollen und macht zudem immer wieder deutlich, wie sehr der Koran und mit ihm jede heilige Schrift von denen abhängig ist, die ihn deuten. Dass Kermani dafür eigens übersetzte Suren zitiert, formt einerseits das Verständnis umso intensiver, sind sie doch von ihm selbst übersetzt und damit interpretiert, andererseits erlauben sie natürlich einen direkteren und frischeren Zugang, als wäre auf sie verzichtet worden.

Ich muss zugeben, dass mir persönlich das Dialogische gelegentlich etwas zu pädagogisierend war, aber die Nachdenklichkeit des Buches und die unermüdliche Aufforderung zum Selbst-Denken, zum Selbst-Verorten, zum Verstehen der eigenen Verwurzelung und Verwachsung mit der umgebenden (religiösen) Kultur haben etwas sehr Bereicherndes. Ein Buch, dass ich definitiv noch einmal lesen werde.

Sprache 5/5
weiterführende Tipps 5/5
Didaktik 5/5

Navid Kermani: Jeder soll von da, wo er ist, einen Schritt näher kommen. Hanser 2022. Ab 14 Jahren. ISBN: 978-3-446-27144-9, €22.

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