Zwei Diktaturen, eine Graphic Novel: Nieder mit Hitler! Von Jochen Voit und Hamed Eshrat

Cover "Nieder mit Hitler"

Geschichte spannend und gut aufbereitet zu erzählen, ohne ins Reißerische zu geraten, und zugleich noch ein Vorbild in Sachen Kooperation zwischen Uni und Gedenkstätte sein? Dass das geht zeigen Jochen Voit und Hamed Eshrat mit „Nieder mit Hitler! Oder warum Karl kein Radfahrer sein wollte“. Die Graphic Novel erzählt über Karl Metzners Leben im Nationalsozialismus und der DDR und Möglichkeiten und Folgen des Widerstands gegen totalitäre Regime.

Der Titel „Nieder mit Hitler!“ hat uns schon so eingestimmt auf eine Widerstandsgeschichte, dass der Einstieg in den Comic ein wenig überraschend ist und im positiven Sinne aus der Bahn wirft: Der erwachsene Karl wird 1960 am Grenzübergang zwischen BRD und DDR abgefangen. Voller Anspannung sitzt er im Verhörraum, wartet auf das, was nun kommt. Und erinnert sich an seine Jugend im Nationalsozialismus. So verklammern sich, sauber eingeteilt in einzelne Kapitel, Leben im Nationalsozialismus und der DDR ineinander, spannt sich langsam ein Panorama der Unterdrückung auf.

Gesinnungswandel unter Hitler

Als Jugendlicher geht Karl zur HJ, bettelt seine Eltern gar um ein braunes Hemd an, damit er endlich voll dazu gehören kann. Er ist begeisterter Sportler und Fan des Radfahrers Erich Metze. Erst als es in der HJ zunehmend um realen Kriegsdrill geht, gerät etwas in ihm ins Wanken. Und dann ist da sein subversiver Kumpel Jochen Bock, dessen Bruder bei Stalingrad stirbt, und der anfängt, ausländische Radiosender zu hören. Zuletzt sind sie zu fünft, als sie die Erfurter Gruppe des „National-Komitees Freies Deutschland“ gründen. Karl tippt fleißig Flugblätter auf seiner Schreibmaschine, die sie beispielsweise aus den Erfurter Straßenbahnen fliegen lassen. Sie schreiben Parolen wie „Nieder mit Hitler“ an Wände. Sie versuchen, Mitschüler von ihrer Sache zu überzeugen – und sie werden verraten. Mehr als acht Monate sitzen sie in Untersuchungshaft und kommen nur mit dem Leben davon, weil ihr alter Klassenlehrer ihnen positive Gutachten schreibt.

Aufrecht leben in der DDR

Karl wird eingezogen, gerät in französische Kriegsgefangenschaft, entscheidet sich nach seiner Rückkehr Priester zu werden – und gerät hier erneut in die Räder eines Regimes. Denn seine kritische Haltung zur DDR wird schnell bekannt. 1960 wird er als Informant der Stasi angeworben, da er allerdings sechs Jahre lang nichts preisgibt, wird er wieder fallengelassen und kann sich weiter um seine Gemeinde kümmern.

Deutsche Geschichte in aller Verwobenheit

Die Zeichnungen tragen Karls Angst vor der erneuten Inhaftierung, seine Freundschaft zu den anderen Jungen, die Verbindungslinien seiner Lebensgeschichte kraftvoll und packend. Text und Bild ergänzen sich hier auf vorbildliche Weise. Das Comicelement macht diese ausgesprochen erzählenswerte Geschichte dabei hoffentlich auch solchen Leser*innen zugänglicher, die sonst nicht besonders für das Lesen zu begeistern sind. Die Graphic Novel allerdings auf diesen Mehrwert zu reduzieren, wäre falsch. Biographie wird erlebbar und die wechselvolle deutsche Geschichte des 20. Jahrhunderts nicht aufgelöst in zusammenhanglose Epochen, sondern eben gerade im Zusammenhang, in aller Verwobenheit der Lebensgeschichte erzählt. Das ist absolut lobenswert!

Uni und Gedenkstätte: Public History funktioniert

Genauso lobenswert ist auch die Entstehungsgeschichte des Buches. Jochen Veit, Leiter der Gedenkstätte Andreasstraße in Erfurt, wo die fünf Jugendlichen in Untersuchungshaft gesessen hatten, erarbeitete deren Geschichten zusammen mit Studierenden der Uni Erfurt. Dementsprechend schließt sich an das Comic einerseits ein kurzer Infotext über dessen Entstehungsgeschichte sowie kurze biographische Zusammenfassungen zu allen Mitgliedern der Widerstandsgruppe an.

Wer Lust hat, kann sich außerdem einen aus dem Projekt entstandenen Kurzfilm angucken. Insofern ist die Art, wie hier Public History betrieben wird, absolut vorbildlich. Dass zudem die Widerständler in all ihren Ambivalenzen gezeigt werden, dem Zufall und Glück genügend Platz eingeräumt wird und heldenhaftes Pathos entsprechend klein gehalten wird, macht die Graphic Novel umso lesenswerter. Reinschauen!

Hier geht es zum Kurzfilm: http://nieder-mit-hitler.de/

Gestaltung 5/5
Sprache 5/5
weiterführende Tipps 5/5
Handlung 5/5

Jochen Voit (Text) / Hamed Eshrat (Zeichnungen): Nieder mit Hitler! oder Warum Karl kein Radfahrer sein wollte. Berlin: avant-verlag 2018. € 20. ISBN: 978-3-945034-98-9 .

Für Fließtextfans sei an dieser Stelle übrigens noch einmal wärmstens “Bis die Sterne zittern” von Johannes Herwig empfohlen. Zur Rezension in diesem Blog geht es hier.

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