Beste Freunde, perfektes Chaos und der Wert der Freiheit

Matthias Friedrich Mueckes „Niemandsland“

Cover Matthias Friedrich Muecke: Niemandsland
c Kunstanstifter

Dass da ein großes Drama auf uns zukommt, ahnen wir von der ersten Seite von „Niemandsland. Erinnerungen an eine Kindheit“, in der der Erzähler von seinem besten Freund Frank und ihren gemeinsamen Abenteuern im Ostberlin der 1960er und 1970er Jahre erzählt. Trotzdem ist die Lektüre an vielen Stellen erheiternd, überraschend, erfrischend. „Niemandsland“ ist kein Lamento-Roman, keine DDR-Nostalgie. Matthias Friedrich Muecke beschreibt, wie Kindheit in der DDR funktionierte, wie das Anpassen dazu gehörte, wann es scheiterte.

Frank und der Erzähler sind Nachbarn – und von klein auf die engsten Freunde. Kein Wunder, dass sie auch bald Blutsbrüder werden. Und jede Menge Bullshit verzapfen. Gelegentlich erinnern die beiden ein wenig an Michel aus Lönneberga, wie sie mehr oder weniger unfreiwillig von einer Missetat in die nächste schlittern. Dann aber sind sie doch eher wie Max und Moritz, denn – seien wir ehrlich – so ganz altruistisch ist beispielsweise der Einbruch in die volkseigene Zigarettenfabrik nicht. Dass allerdings das U-Boot-Spielen im Keller gleich in einen Fast-Hausbrand ausartet. Dass der flottgemachte Trecker direkt durch die Hallentür rast und nur knapp nicht auch noch die Behausung der Besitzerin ummäht – damit war ja nicht zu rechnen.

Eigen-Sinn und Jugend

Buch steht vor Sektorschild "Sie verlassen jetzt West-Berlin"

Es sind katastrophal-komische Episoden wie diese, die Matthias Friedrich Muecke uns in „Niemandsland“ erzählt, die einerseits urkomisch sind, andererseits aber auch unheimlich viel über den Alltag in der DDR, das Wirtschaftsleben, die Freizeitmöglichkeiten verraten. Das Gleiche gilt für Abschnitte zur Urlaubsplanung oder zur Trennung der Mutter vom gewalttätigen Stiefvater. Muecke gelingt es so, ein Panorama der DDR zu schaffen, das eng an seine Charaktere heranführt und damit das System dieses Unrechtsstaats vor Augen führt, gerade weil die portraitierten Jungen eben keine politischen Revoluzzer sind, sondern doch eigentlich nur auf der Suche nach einem Leben nach ihren eigenen Vorstellungen. Damit lässt sich die Erzählung herrlich an das Eigen-Sinn-Konzept nach Alf Lüdtke anknüpfen, sprich: Hier geht es nicht um Dichotomien von Herrschaft und Unterdrückung, sondern um die Frage nach dem Austarieren verschiedener Handlungsmöglichkeiten mit gelegentlichen Regelverstößen (mehr dazu zum Beispiel auf docupedia.de; außerdem gibt es gerade ein spannendes online Projekt, das mit genau diesem Konzept an die DDR herantritt: Eigensinn im Bruderland). Vertieft wird die ohnehin künstlerisch dichte Beschreibung durch detaillreiche, großflächige schwarz-weiß Illustrationen, die das Buch noch eingängiger und fast zu einer Mischform in Richtung Graphic Novel machen.

Im Anschluss an die eigentliche, katastrophal endende Handlung folgt ein Glossar, das zum tieferen Verständnis beiträgt. Insgesamt ein rundum gelungener, lesens- und empfehlenswerter Text, der schonungslos ehrlich an eine Zeit erinnert, die natürlich nicht nur graues Unglück war, in der jedoch jede herausgenommene Freiheit ihren Preis hatte. Angesichts der teilweise herben Inhalte würde ich das Buch frühstens ab 12, eher später empfehlen, je nach allgemeinem Lesegefühl. Gelesen werden aber sollte es!

Gestaltung 5/5
Sprache 5/5
Didaktik 5/5
weiterführende Tipps 2/5
Handlung 5/5

Matthias Friedrich Muecke: Niemandsland. Erinnerungen an eine Kindheit. Mannheim: kunstanstifter 2019. ISBN: 978-3-942795-85-2. € 24.

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