Nikolaus Nützel: Mein Opa, sein Holzbein und der Große Krieg

Cover von Nützels Mein Großvater, sein Holzbein und der Große Krieg“Was der Erste Weltkrieg mit uns zu tun hat” – Die Frage, die Nikolaus Nützel mit seinem Untertitel für dieses sehr persönlich geschriebene Sachbuch zum Ersten Weltkrieg aufwirft, zieht sich wie ein roter Faden durch den gesamten Text. In kurzen thematischen Blöcken, etwa zum Kampf auf dem Meer oder aber zu den revolutionären Umbrüchen im Kontext des Ersten Weltkrieges, stellt Nützel seinen Leser*innen ein facettenreiches und umfassendes Bild des Ersten Weltkrieges vor, das immer wieder auf mentalitätsgeschichtliche Kontinuitäten hinausläuft: So betont er die Bedeutung des Ersten Weltkriegs für die Radikalisierung der Bevölkerung und die Entstehung des nationalsozialistischen Deutschlands.

Zugleich findet Nützel Verbindungslinien zu unserem eigenen Leben: Kriegsgräber in unserer Nähe, an denen wir vielleicht unbewusst vorbei gehen, Familienfeierlichkeiten, deren tatsächliche Bedeutung uns vielleicht gar nicht mehr klar ist. Nützel selbst rekurriert immer wieder auf seinen Großvater und geht schonungslos mit ihm ins Gericht: Der Pfarrer Müller war nämlich 1933 NSDAP-Mitglied geworden und auch schon vorher überzeugt deutsch-konservativ und antisemitisch eingestellt. Genauso schonungslos wie Nützel mit seiner ganz persönlichen Geschichte umgeht, konfrontiert er auch uns mit dem Kriegsgeschehen. Er zitiert etwa Remarque, um die Gräuel des Krieges zu beschreiben, zeigt das Bild eines Erhängten genauso wie die nicht enden wollende Reihen von Soldatengräbern als Illustration.

Die Nähe zu den gut recherchierten historischen Ereignissen erzeugt Nützel aber nicht nur durch Schock oder die konsequent durchgeführte Ich-Form im Erzähltext, vielmehr stellt er Fragen wie: Wie sehr unterscheiden sich die kriegsbegeisterten jungen Männer etwa von heutigen islamistischen Kämpfern? Wie heldenhaft ist eine Ikone wie Che Guevara eigentlich, wenn doch auch er Menschen tötete? Wie anfällig ist jede*r Einzelne von uns für Erzählungen von Heldenmut? Zeugen wie die Feldpostbriefe junger Studenten, die im Krieg fielen, überhaupt die zahlreichen Beispiele für viel zu früh Gestorbene, lassen den Krieg und seine grausamen Folgen immer wieder plastisch hervortreten.

Illustration Buch Erster WeltkriegKeine Frage: Auch Nützel kann natürlich nicht jedes Detail erzählen. Es ist ihm hoch anzurechnen, dass er die Auswirkungen des Krieges auch über Europa hinaus betrachtet, dass er die Alltagsebene genauso beleuchtet wie die politische, dass er sich insgesamt um ein sehr ausgewogenes Bild bemüht. Dennoch bleiben natürlich eine kleinere Undifferenziertheiten vorhanden. So entsteht auf Seite 97 der Eindruck, Hunger sei in Russland erst nach Abdankung des Zaren entstanden, tatsächlich litt das Volk ja auch schon zuvor. Auf Seite 107 wäre eine Erklärung dazu, was eine Räterepublik von einer parlamentarisch geführten eigentlich unterscheiden würde, wahrscheinlich für viele Leser*innen hilfreich. Und Eisner als harmonische Einheit mit Liebknecht und Luxemburg zu beschreiben, ist auch etwas zu kurz gegriffen, hatte Eisner doch eben gerade zumindest zu Beginn ein Parlament durchaus noch zulassen wollen in seinem Bayern, ja, hatte gar Wahlen durchführen lassen.

Besonders schwierig erscheint mir Nützels subjektiv-moralischer Ansatz jedoch gerade gegen Ende des Buches, wenn etwa Neonazis pauschal als „Dummköpfe“ tituliert werden (S. 113) oder in Bezug auf die Lebensraumpolitik der Nationalsozialisten von „faseln“ spricht. – So sehr die Stoßrichtung nachvollziehbar ist, so gefährlich scheint es doch, Rechtsextreme in eine intellektuell unterbelichtete Ecke zu stellen und so die Gefahr zu unterschätzen. So wenig Nützel dies in übrigen Stellen seines Textes tut, umso mehr fällt es hier unangenehm auf. Dazu passt auch der Widerspruch, dass er einerseits versucht, sich dem Traum von einem großen Deutschland, in dem er z.B. immer noch in Danzig studieren kann, anzunähern (S. 114-115). Der Leserin fährt da unweigerlich der Gedanke durch den Kopf: Ja, aber wer hält dich denn davon ab? Und später weist Nützel genau darauf auch hin (S. 117): Durch das langfristige friedliche Miteinander gerade in Europa, stehen uns furchtbar viele Möglichkeiten offen. Hier findet also Werbung für den Frieden und Europa statt, der Weg dorthin ist jedoch leider ein bisschen krumm.

Doch das alles ist – die vorangegangenen Absätze dürften es bereits deutlich gemacht haben – Jammern auf hohem Niveau. „Mein Opa, sein Holzbein und der Große Krieg“ ist eine durch und durch bewusst subjektiv geschriebene Geschichte, die jedoch genau mit dieser Perspektive spielt und dadurch zur eigenen Reflexion einlädt: Wie denke ich darüber? Wie sehe ich das? Zudem führt Nützel gekonnt an den Umgang mit historischen Quellen heran, etwa wenn er zu den Zahlen von gefallenen Soldaten die Frage stellt: Sind das nun viele? (S. 13) Dank der übersichtlichen und ansprechenden Gestaltung, den zahlreichen Zusatzinformationen, Kartenmaterial und Bebilderung ist das Buch zudem auch unabhängig vom Text einladend: Hier macht Schmökern und mehr Erfahren trotz des schwierigen Themas Spaß und ist unbedingt und uneingeschränkt zu empfehlen!

Nikolaus Nützel: Mein Opa, sein Holzbein und der Große Krieg. Was der Erste Weltkrieg mit uns zu tun hat. arsEdition 2013 ISBN 978-3-8458-0172-8 € 14,99. (Bzw. die überarbeitete Neuausgabe ISBN: 978-3-8458-2273-0 € 15,00).

Ich beziehe mich hier auf die Ausgabe von 2013.

Wer eher Lust auf Fiktives zum Ersten Weltkrieg hat, der sei auf meine Rezension zu “Das Mädchen und der Soldat” verwiesen

2 Gedanken zu „Nikolaus Nützel: Mein Opa, sein Holzbein und der Große Krieg“

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