Zwischen Ideologie und Kriegsrealität: „Paul und der Krieg“ erzählt vom Erwachsenwerden im Zweiten Weltkrieg

Cover "Paul und der Krieg" - Collage aus Fotos von Paul Haentjes

In diesem Blog habe ich schon das unheimlich tolle „Mein Opa, sein Holzbein und der Große Krieg“ von arsEdition vorgestellt. Ganz ähnlich wie Nikolaus Nützel sich mit der Geschichte seines Großvaters auseinandersetzte, schaut Dorothee Haentjes-Holländer in „Paul und der Krieg“ auf die Geschichte ihres Vaters und erzählt, wie Paul Haentjes den Zweiten Weltkrieg er- und überlebte. Das Buch wird von arsEdition ab 12 Jahren empfohlen und stellt einfühlsam und vielschichtig das Erwachsenwerden im Krieg dar. Gleichzeitig ist es eine Familiengeschichte – und bietet damit Chancen genauso wie Probleme.

Paul ist 15 Jahre alt, als er im Februar 1943 als Flakhelfer einberufen wird. Zusammen mit seinen Freunden ist er stolz und froh, bei der Verteidigung Deutschlands mitzuhelfen. Er sieht das Bombardement der deutschen Städte und verliert dabei aus den Augen, dass ja auch die deutsche Luftwaffe Bombenangriffe fliegt. Dorothee Haentjes-Holländer zeigt behutsam und ehrlich zugleich, wie sehr ihr Vater von der Naziideologie indoktriniert war. Gleichzeitig zeigt sie auf, dass er und seine Freunde sich immer mal wieder von den Vorgesetzten und ihren Meinungen distanzierten, der Krieg und die gemachten Erfahrungen (und wenn es nur die Ausflüge nach Berlin waren, wo sie in den Unterbringungen der Wehrmacht wie echte Soldaten behandelt wurden und offensichtlich bei den Erwachsenen mitfeiern durften) die Jungen schnell zu Erwachsenen machte und sich gleichzeitig ein gewisses jugendliches Rebellentum, Zukunftsträume und -ängste hielten. Der Begriff taucht nicht auf, doch das Konzept des „Eigen-Sinns“ nach von Alf Lüdtke sticht hier ins Auge: Die Dichotomie von Herrschaft und Gefolgschaft ist aufgebrochen, die Hierarchien sind zwar klar erkennbar, doch der Einzelne, sein Streben nach seinem Vorteil, seine Anpassungsstrategien werden über die Biographie Pauls deutlich. – In ihm zeigen sich sowohl die Konformität zum Nazi-System als auch die langsame Akzeptanz der bevorstehenden Niederlage. Denn Paul hofft zwar ursprünglich darauf, nach der Zeit als Flakhelfer ganz normal die Schule beenden zu können, wird jedoch eingezogen und kämpft als Wehrmachtsoldat bis er – zu seinem Glück – in amerikanische Kriegsgefangenschaft gerät.

Familiengeschichte im Nationalsozialismus

Dorothe Haentjes-Holländer erzählt die Geschichte ihres Vaters. Das ist einerseits spannend und toll, denn so entsteht ein gewisser persönlicher Bezug. Gleichzeitig hätte dieser an manchen Stellen noch stärker betont werden können und die jeweilige Grundlage der wiedergegebenen Informationen noch etwas deutlicher. Welche Teile stammen zum Beispiel aus Gesprächen, welche nur aus den Briefen, welche aus zusätzlich recherchiertem Material? Das wird im Fließtext, der Pauls Biographie erzählt und kontextualisiert, nicht immer ganz deutlich.

Auch wenn Dorothee Haentjes-Holländer sehr klar versucht, sich ihrem Vater kritisch zu nähern und ihn nicht zu idealisieren, wird in ihrer Erzählung aber auch deutlich, dass wir an bestimmten Momenten der Nähe nicht vorbei kommen. „Paul und der Krieg“ ist an vielen Stellen eher ein Text vom Überleben. Tod kommt zwar vor, aber eher als persönlicher Verlust oder als abstraktes Geschehen der Massentode etwa bei Bombenangriffen. Dass auch Paul selbst vermutlich getötet hat, tritt zurück. Immerhin: Haentjes-Holländer vermutet an einer Stelle, dass auch ihr Vater vom Holocaust gewusst haben muss. Das Buch scheint daher auch spannend, weil es Fragen darüber aufwirft, ob und wie wir die Geschichte unserer eigenen Familien recherchieren und erzählen können. Sicherlich eine spannende Grundlage für gemeinsame Projekte im Geschichtsunterricht!

Makro- und Mikrogeschichte mit vielen Quellen zum Selberdenken

Insgesamt ist das Buch wirklich toll und vielschichtig aufgebaut, denn neben dem Fließtext gibt es immer wieder Auszüge aus Pauls Briefen an die Eltern oder den Bruder zu lesen, die graphisch als eben solche herausgehoben werden. Darin wird Pauls Ambivalenz zum System deutlich, seine Hin- und Hergerissenheit zwischen Linientreue, persönlichem Überlebenswillen und schlichtweg der Hinterfragung der Propaganda. Auch hat Paul zahlreiche Fotografien aufgehoben, die wiedergegeben werden. Zusätzlich liefern Infoboxen Hintergründe etwa zum Versailler Vertrag, zu wichtigen Schlachten, Kriegsverläufen oder wichtigen Reden. So entsteht eine dichte Alltagsgeschichte des Krieges, die Mikro- und Makroebene geschickt verknüpft. Wir erfahren mehr über Kriegsrationen, Urlaubsscheine, Transportwege, Rauchgewohnheiten, Kleidung, aber eben auch über gesellschaftliche Umbrüche und soziale Strukturen.

Ein wenig schade ist, dass zwar einige Nachweise zu zitierter Literatur gegeben werden, jedoch keine expliziten Literaturtipps für die weitere Lektüre das Buch abschließen. Ansonsten ist dieser Band aber wie schon „Mein Opa, sein Holzbein und der Große Krieg“ wirklich gelungen. Gerade die Ambivalenzen von Pauls politischer Haltung, sein Weg zum Erwachsensein dürften für andere Jugendliche spannend zu lesen sein. Sie bieten einerseits Raum für Identifikation und andererseits die Gelegenheit zu begreifen, dass wir in glücklichen Zeiten leben. Außerdem ist das Buch wirklich eine tolle Anregung, der eigenen Familiengeschichte auf den Grund zu gehen, und ein tolles Beispiel dafür, wie mit der Lücke umgegangen werden kann, die das zunehmende Fehlen von Zeitzeug*innen reißt.

Gestaltung 5/5
Sprache 5/5
Didaktik 5/5
weiterführende Tipps 3/5
Handlung 5/5

Dorothee Haentjes-Holländer: Paul und der Krieg. Als 15-Jähriger im Zweiten Weltkrieg. München: arsEdition 2019. ISBN 978-3-8458-3030-8. Ab 12 Jahren. € 15,00.

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