Wahre Geschichte schonend erzählt: Helen Bates „Peter in Gefahr“

Cover Peter in Gefahr

Was bedeutet es, als jüdisches Kind im Budapest des Zweiten Weltkriegs aufzuwachsen? „Peter in Gefahr. Mut und Hoffnung im Zweiten Weltkrieg“ beantwortet diese Frage, ohne sie offen zu stellen. Helen Bate erzählt in diesem Kinderbuch ab 7 Jahren, das eigentlich eher eine Graphic Novel ist, aus Perspektive Peters vom Überleben des Holocausts in Verstecken. Sehr Vieles bleibt dabei Unausgesprochen – Stärke und Schwäche des Buches zugleich.

Da Bate der Perspektive Peters ganz konsequent folgt, bleiben Erklärungen weitestgehend aus. Das ist einerseits toll. So wird das Jüdisch-Sein Peters und seiner Familie zu Beginn nicht thematisiert. Wissende Leser*innen erschließen es sich daraus, dass die Mutter irgendwann gelbe Sterne an die Kleidung näht. Später muss die Familie in ein „Juden-Haus“ ziehen, erst hier wird die Zugehörigkeit zu einer Gruppe deutlich. Damit zeigt die Erzählung zugleich die Fremdheit dieser Kategorisierung für Peter selbst auf. Die Familie bleibt in Peters Augen gleich unter gleichen, die Haushaltshilfe, die Nachbar*innen: Alle sind Menschen – erst im Nachwort wird deutlich, dass beispielsweise das Hausmädchen Rosa Katholikin war (und eigentlich anders hieß. Hier stellt sich die Frage, ob nicht dem Identifikationspotential zu Vieles einfach geopfert wird).

Überleben durch die Gnade anderer

Peter beschreibt, wie die Familie im Juden-Haus durch pures Glück und den Akt der Gnade eines einzelnen Soldaten der Deportation entkommt und dann von Versteck zu Versteck flieht, erneut abhängig von der Hilfe anderer. Diese Hilfe bekommt die Familie an vielen Stellen und überlebt den Zweiten Weltkrieg. Besser noch: Als die Eltern und der Sohn samt der Cousine in ihre Wohnung zurückkehren, bringen die Nachbar*innen dort in Aufbewahrung gegebene Gegenstände wie Spielzeug, Teppiche oder Porzellan wieder zurück. Das alles wirkt zu schön, um wahr zu sein. Ambivalenzen bleiben gewissermaßen aus, die Motivationen der Täter*innen genauso wie der Helfer*innen irgendwie farblos, weil Peters Perspektive in dieser comichaften Form die Reflexion über die Gedanken anderer nicht hergibt. Doch dann lesen wir im Nachwort: Die Geschichte ist wahr! Peter hat sie der Autorin erzählt. Und im Nachwort wird auch der Holocaust und die spezifische Situation in Budapest zumindest kurz erklärt.

Wie schonend dürfen wir den Holocaust erzählen?

Hier wird allerdings auch deutlich, was Helen Bates alles weggelassen hat. So nehmen Peters Eltern im Laufe der Geschichte Peters Cousine Eva bei sich auf. Diese erhielt wenig später die Nachricht, dass ihre Eltern deportiert worden waren. Im Buch hat dies nur im Nachwort Platz. – Erstaunlich, ist Eva doch eine prominente Figur der Handlung. Ihr Schmerz und ihr Verlust aber haben keinen Raum. Stattdessen findet Peter am Ende des Buches eine Blechdose mit Zinnsoldaten, die einem anderen jüdischen Jungen gehört haben. Er hebt sie für ihn auf und aus der Rahmenhandlung wird klar, dass der Junge nie kam, um sie abzuholen. Allerdings wird auch hier nicht klar ausgesprochen, dass er wahrscheinlich im KZ ermordet wurde. Unerklärt bleibt auch, was genau Peters Vater eigentlich für eine Untergrundarbeit betreibt, diese wird auch im Nachwort nicht weiter aufgedeckt. Es stellt sich alles in allem die Frage, wie schonend der Holocaust, die Verfolgung durch den Nationalsozialismus eigentlich erzählt werden darf. Peters kindliche Perspektive, seine offensichtliche Abschirmung vor manchen Realitäten durch die Erwachsenen wird so weiter getragen. Als erste Annäherung an das Thema mag das Buch daher legitim sein, begleitende Erklärungen jedoch erscheinen unbedingt angebracht.

Insgesamt ist „Peter in Gefahr“ eine Lektüre, die die Entbehrungen des Lebens im Versteck gut deutlich macht. Die Langeweile des Kindes, der ewige Hunger, die Angst werden spürbar. Gleichsam fehlt an vielen Stellen ein wenig die Tiefe. Auch Siebenjährigen kann schon zugemutet werden, den Schmerz eines jungen Mädchens mitzutragen. – Die Entscheidung Hintergrundinformationen nicht in die Erzählung einzubringen, um Peters Blickwinkel beizubehalten, ist einerseits löblich und nachvollziehbar. Andererseits hätte das Nachwort dann ruhig ausführlicher ausfallen dürfen. Was passierte zum Beispiel mit Menschen, die – wie hier im Buch überproportional dargestellt – Jüdinnen und Juden halfen, den Nazis zu entkommen? Was waren die Motivationen zu helfen? War es wirklich üblich, dass die Menschen all ihre Besitztümer zurückerhielten?

„Peter in Gefahr“ ist damit eine Geschichte, die Empathie weckt, allerdings der erklärenden Einordnung und des begleiteten Lesens bedarf. Sie erzählt den Holocaust schonend, indem sie den Blick auf das Überleben, die Hilfe und die Solidarität lenkt. Es erscheint sinnvoll, daher auch und gerade die Lektüre des Nachwortes nicht zu vernachlässigen und zudem andere Bücher zum Thema für die Altersklasse passend ergänzend anzubieten. – „Anne Franks Baum“ (Rezension hier) zum Beispiel.

Gestaltung 5/5
Sprache 5/5
Didaktik 3/5
weiterführende Tipps 0/5
Handlung 4/5

Helen Bate: Peter in Gefahr. Mut und Hoffnung im Zweiten Weltkrieg. Aus dem Englischen von Mirjam Pressler. Frankfurt a.M.: Moritz Verlag 2019. ISBN 978-3-89565-373-5. € 12. Ab 7 Jahre.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.