Vom Ende des Abenteuers: Philip Kerrs “Friedrich, der große Detektiv”

Cover Friedrich, der große Detektiv

Der gesellschaftliche Konflikt, den Friedrich miterlebt, sitzt schon bei ihm zuhause am Küchentisch: Sein Bruder Rolf ist großer Anhänger der Nazis, sein Vater aber ist Journalist und viel in Künstlerkreisen unterwegs, die die Nationalsozialisten ablehnen. Abgesehen von den privaten Spannungen und dem Wissen, dass er manche Gegenden seines geliebten Berlins lieber meiden sollte, wenn er nicht in Straßenschlachten zwischen Kommunisten und Nazis hineingeraten will, hat Friedrich jedoch andere Sorgen: Er will Detektiv werden, genau wie sein Vorbild “Emil” aus Erich Kästners Roman. Und so zieht Philip Kerr uns in “Friedrich, der große Detektiv” nach und nach hinein in das Berlin der Machtergreifung und stellt ganz nebenher die Gewissensfragen: Was hätte Friedrich wissen und vor allen Dingen: Was hätte er tun können?

Denn Friedrich bekommt 1933 schon jede Menge mit: Da ist sein bester Freund Leo Hertz, der vom Klassenlehrer schickaniert wird und gemeinsam mit seiner Familie Deutschland verlässt. Und da ist plötzlich die Bücherverbrennung. Rolf zwingt Friedrich dazu, sein Lieblingsbuch ebenfalls abzugeben. Dabei bedeutet “Emil und die Detektive” Friedrich so viel. Ja, er sieht Erich Kästner, einen Freund seines Vaters, sogar als persönlichen Freund an. Doch Rolf ist unerbittlich und am Ende brennt die handsignierte Ausgabe.

Gewissenskonflikte im Alltag eines totalitären Regimes im Aufbau

Dennoch ist “Friedrich, der große Detektiv” kein Buch der Schwarz-Weiß-Malerei. Ganz im Gegenteil. Friedrich, der unbedingt Detektiv werden möchte und mit seinen besten Freunden den Büchern Kästners nacheifert, steht immer wieder vor wirklichen Gewissenskonflikten. Da ist zum Beispiel der Naziaufmarsch, zu dem Rolf ihn mitnimmt. Auf einmal wird Friedrich mitgerissen, lässt sich von der Menge begeistern – und ist im Nachgang entsetzt von sich selbst. Oder dann ist da der Spionageauftrag, den Friedrich und seine Freunde für einen etwas faulen Polizisten übernehmen. Der richtet sich ausgerechnet gegen Friedrichs Freund Kästner und Friedrich gelingt es nur in allerletzter Sekunde, seinen Fehler wieder gut zu machen und keine Informationen an den zwielichten Polizisten Finger weiterzugeben. Dem hingegen begegnen wir später noch einmal wieder – als Mörder eines Malers. Ausgerechnet Friedrich und seine Freunde hatten die Leiche entdeckt und es ist Friedrich, der aufklärt, wer der wirkliche Mörder ist. Doch die Verhältnisse in Deutschland lassen diese Enttarnung schon nicht mehr zu. – Und spätestens hier endet dann auch das unschuldige Abenteuer für Friedrich. Diesen Bruch zu begleiten ist gleichsam schmerzhaft und so gut erzählt, dass die Belastung des Lebens im Nationalsozialismus wirklich greifbar wird.

Eine gelungene Hommage an Erich Kästner

Es sind vor allem Friedrichs Gespräche mit Erich Kästner, die die feine Linie zwischen Anpassung und Unabhängigkeit um- und ertasten, die danach fragen, wie ein Leben im nationalsozialistischen Deutschland reinen Gewissens überhaupt weiter möglich sein konnte. Kerr gelingt es, auf der Basis einer Detektiv- und Abenteuergeschichte die Schreckensszenarien des Nationalsozialismus deutlich zu machen, ohne dabei zu pädagogisch zu werden oder einen Helden zu zeichnen, der immer weiß, was richtig ist. Vielleicht ist genau das die Stärke des Buches, gepaart mit klarer Ansprache und Haltung, wie sie auch die Bücher Kästners immer auszeichnete. Insofern ist “Friedrich, der große Detektiv” nicht nur inhaltlich eine Hommage an Kästners Werk und Leben, sondern auch stilistisch. Philip Kerr ist letztes Jahr verstorben (hier ein Nachruf) – hoffen wir, dass auch seine Kinderbücher noch von vielen Generationen nach ihm gelesen werden!

Handlung 5/5
Gestaltung 5/5
Sprache 5/5
Didaktik 5/5 (der Verlag stellt Unterrichtsmaterial zur Verfügung)
weiterführende Tipps 3/5 (besagtes Unterrichtsmaterial sowie ein kurzes Dossier am Schluss, jedoch keine direkten Lesetipps)

Philip Kerr: Friedrich, der große Detektiv. Vignetten von Regina Kehn. Aus dem Englischen von Christiane Steen. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt 2017. ISBN 978-3-499-21791-3. € 14,99. Ab 11 Jahre.

Wer eher poetische Geschichten bevorzugt, aber dennoch Fiktives zur Zeit des Nationalsozialismus lesen möchte, sei noch einmal auf meine Rezenion zu “Anna und der Schwalbenmann” verwiesen.

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