Kindheit und Krieg

Rosalie. Als mein Vater im Krieg war

Cover "Rosalie. Als mein Vater im Krieg war"
c Gerstenberg

Vorweg ein kleiner Disclaimer: Ich habe dieses Buch zuerst für die JuLit in der Rubrik Fundstücke besprochen.

Dieses kleine Bändchen von Gerstenberg hat es in sich: Ein wohldosierter Text von Timothée Fombelle, der sich sicher gut für die eigenständige Lektüre ab der zweiten Klasse eignet, und Isabelle Arsenaults stimmungsvolle Illustrationen, die sich in „Rosalie. Als mein Vater im Krieg war“ um ein kleines Mädchen und den Ersten Weltkrieg drehen. Doch nicht nur das: Rosalies Geschichte stellt große Fragen nach Eigenständigkeit und Bevormundung. Und nach dem Umgang mit Verlust, Angst und Liebe.

Rosalie ist gerade einmal fünfeinhalb. Der Vater ist Soldat, die Mutter aber muss in der Fabrik arbeiten und so darf Rosalie jeden Tag in der Klasse der großen Jungs sitzen und wartet dort darauf, dass die Mutter sie nach der Arbeit wieder abholt. Es ist ein tristes, karges Leben, das Rosalie sich mit der Geschichte verschönt, sie sei ein Soldat auf geheimer Mission. Zunächst irritiert dieses Martialische, genauso wie Rosalies Unbehagen mit den wohligen Geschichten, die die Mutter aus den Feldpostbriefen vorliest. Doch als wir als erfahrene Lesende merken, dass der Vater gestorben ist, die Mutter es jedoch nicht fertig bringt, Rosalie davon zu berichten, da wird klar, dass Rosalies Unbehagen berechtigt ist. Und dass ihr Ausweichen ins Kriegerisch-Martialische eben das ist, was ihr in ihrem Umfeld als natürliche Option erscheinen muss.

Rosalie erfüllt ihre Mission: Sie lernt lesen. Mit der neuen Fähigkeit, büxt sie aus und kehrt nach Hause zurück. Dort liest sie – endlich – die Briefe des Vaters und vor ihren Augen verschwinden die schönen Geschichten der Mutter. Es bleiben Angst und Verzweiflung angesichts der Brutalität des Krieges.

Dass die Mutter Rosalie zum Trost den Orden des Vaters schenkt, ist erneut erstaunlich unkritisch von der Erwachsenen, ein schwacher Trost angesichts des in den Briefen geschilderten Grauens. Gerade wegen dieser Widersprüchlichkeit und der deutlichen Diskrepanz zwischen heutiger Perspektive und Bewertung und dem damaligen gesellschaftlichen Umgang ist „Rosalie. Als mein Vater im Krieg war“ ein bewegendes Buch über den Krieg. Zwar wird spezifisch der Erste Weltkrieg mit seinen Grausamkeiten angesprochen, die Geschichte bleibt jedoch so universal, dass sie letztlich auf das Große und Ganze bezogen werden kann. Gerade in ihrer Ambivalenz eröffnet sie dabei viel fruchtbaren Diskussionsraum. Eine empfehlenswerte Lektüre!

Gestaltung 5/5
Sprache 5/5
weiterführende Tipps 0/5
Handlung 5/5

Timothée Fombelle (Text)/Isabelle Arsenault (Illustration): Rosalie. Als mein Vater im Krieg war. Aus dem Französischen von Tobias Scheffel und Sabine Grebing. Gerstenberg 2020. Ab 9 Jahren. ISBN 978-3-8369-6040-3, € 15,00.

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