Biographie mit Agitationsziel: Elisabeth Zöller: Verändert die Welt! Das Leben des Rudi Dutschke

Wie wird man Revolutionär*in? Diese Leitfrage stellt Elisabeth Zöller ihrer engagierten Biographie über Rudi Dutschke voran, die sich explizit an Jugendliche ab 14 Jahren richtet. Es ist die zweite Biographie aus dieser Sachbuchreihe von Hanser, die ich auf lies-geschichte.de rezensiere. Auch Karl Marx sollte schon deutlich auf die heutige Zeit bezogen werden (hier geht’s zur Rezension). Bei Rudi Dutschke liegt das nicht nur rein zeitlich noch näher, bewegte er sich doch in bundesrepublikanischen Strukturen der Umbruchsstimmung – doch was davon kann Elisabeth Zöller wirklich ins Hier und Jetzt transportieren?

Es sei gleich gesagt, dass es Zöller durchaus gelingt, Dutschkes Leben sehr detailreich nachzuerzählen (wer eine kurze Dutschke-Biographie im Netz sucht: https://www.hdg.de/lemo/biografie/rudi-dutschke.html ). Besonders eindrucksvoll schafft Zöller es, die inneren Zerrissenheiten, die Widersprüche aufzuzeichnen, die Dutschke wie wohl jeden Menschen prägen. Liebe zum Elternhaus und Bruch mit Traditionen; Kampf um Gleichberechtigung und gleichzeitig die Mühsal, diese auch in der eigenen Familie, im Umgang mit den eigenen Kindern umzusetzen. Ideal und Wirklichkeit sind gelegentlich schwer zu vereinen und das wird auch an dieser Dutschke-Biographie sehr deutlich.

(K)eine Anleitung zur Revolte

Wie man ein Revolutionär*in wird, das bleibt jedoch ein wenig unklar. – Natürlich, Dutschkes Lebensweg wird uns erzählt, aber hier steht vor allem sein persönliches, individuelles Talent im Vordergrund. Die Biographie kann also durchaus Inspiration sein, Anleitung zum Umsturz ist sie allerdings nicht. Zumal nach der Lektüre auch die Frage bleibt: War Dutschke denn überhaupt ein Revolutionär, der den Worten auch Taten folgen ließ? Eher nicht.

Das soll seine Leistung keineswegs schmälern, an vielen Stellen habe ich mich bei der Lektüre jedoch gefragt, ob Zöller nicht dem „Mythos Dutschke“, den sie mehrfach zitiert, genauso aufgesessen ist.
Genau dieser Mythos ist aber auch ein Beispiel für weitere Probleme des Textes. Manche Dinge werden einfach nicht ausreichend erklärt, eben dieser Mythos zum Beispiel: Wer setzte ihn ein und wofür? Andere Begriffe wie etwa „Euro-Kommunismus“ werden ebenfalls nicht ins Glossar am Buchende aufgenommen, das aber immerhin einige der wichtigsten Schlagworte aufgreift.

Irritierende Nähe

Zöller will mit ihrer Dutschke-Biographie eindeutig wachrütteln. In Zeiten zunehmender sozialer Probleme stellt sie die Frage, was ein Mensch wie Rudi Dutschke getan hätte, zitiert dazu auch alte Weggefährt*innen. Ein wenig schade ist, dass sie in diesen Passagen (vor allem der Epilog) jedoch hauptsächlich auf die heutige Konsumgesellschaft abzielt, Probleme wie den Rechtspopulismus jedoch ausspart. Auch ist die Nähe zu Dutschke, der regelmäßig „Rudi“ genannt wird, ein wenig irritierend. Besonders auffällig wird das in fiktiven Passagen, die wie kleine Dramolette in den Sachtext eingebunden werden und besonders lebhafte Szenen oder Diskussionen wiedergeben sollen. – Als Leserin hätte ich mir hier mehr Informationen aus dem tatsächlichen Quellenbestand gewünscht, zumal nirgendwo richtig thematisiert wird, dass hier ein Bruch hin zur Fiktion erfolgt. Ähnlich ist es etwa mit abgedruckten Demonstrationsplakaten (S. 98/99) – sind diese nun Faksimiles, oder reine Nachzeichnungen des Textes?

Zwar wird insgesamt relativ viel mit Bildmaterial gearbeitet, teilweise liegen Bild und Text jedoch weit auseinander, ineinander greifen sie nie. Dabei hätten gerade die Bilder etwa nach dem Attentat auf Dutschke auch zu einer intensiven Bildanalyse im Sinne von historischer Ikonographie eingeladen.

Trotz allem: Guter Einstieg

Das alles ist nun Jammern auf hohem Niveau, denn Zöllers Text bleibt einfühlsam und nah an Dutschke, stellt dessen Leben überzeugend dar und ist ganz sicher ein toller Einstieg zum Thema, gerade wenn sonst eher fiktive Texte gelesen werden und ein Sachbuch Gefahr läuft, zu trocken zu wirken. Insgesamt ist die Aufbereitung und Verknüpfung mit Gegenwartsthemen in der Marx-Biographie jedoch besser gelungen. Vielleicht auch gerade, weil hier eine stärkere emotionale Distanz zwischen Autor und Protagonist herrscht. Wer nach dieser Lektüre mehr über Dutschke erfahren will, der bekommt umfangreiche Quellennachweise geliefert – „Verändert die Welt!“ ist also erst der Anfang.

Elisabeth Zöller: Verändert die Welt! Das Leben des Rudi Dutschke. Hanser 2017. ISBN 978-3-446-25706-1. 19,00 €.

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