Schiffskatastrophe in New York

„Slocum” von Jan Soeken

Cover "Slocum"
c avant verlag

Dieser Comicband des Avant-Verlags ist als Masterarbeit entstanden und das zweite veröffentlichte Comic von Jan Soeken. Auf 120 Seiten schildert er hier ein Schiffsunglück, von dem ich bisher noch nie gehört hatte. „Slocum. Schiffbruch auf dem East River“ erzählt die Geschichte einer Katastrophe, die sich im Jahr 1904 ereignete, und fragt dabei vor allem nach der Sinnhaftigkeit von Hierarchie und der Unausweichlichkeit von Unglücken dieser Art.

Jan Soeken baut die Geschichte so auf, dass wir von Anfang an wissen, dass wir auf eine Katastrophe zusteuern. Das ist geschickt, weil so auf jeder Seite Ärger, Frust und Verzweiflung entstehen. So gerne würden wir den Menschen zurufen, dass sie sich anders verhalten sollen! Es sollte nämlich eigentlich ein Ausflugstag werden – dafür hatte die deutsche Gemeinde in New York den Dampfer Slocum gemietet, der sie zu einem Vergnügungstag bringen sollte. Doch an diesem Mittwoch ging alles schief. Der Laderaum fing Feuer, der Kapitän wurde zu spät informiert, die nächsten Landeplätze waren nicht ansteuerbar, der Gegenwind fachte das Feuer an, die Rettungsboote klebten wegen frischen Anstrichs am Schiff fest, die Wasserschläuche platzten wegen fehlender Wartung, auch die Schwimmwesten waren marode und taugten nichts mehr – am Ende starben ungefähr 1200 Menschen, vor allem Frauen und Kinder. Die Katastrophe führte zur Auflösung des Viertels „Kleindeutschland“ in New York.

Zeitungsartikel als Quelle

Das Comic arbeitet mit reduzierten Mitteln, viele Panel kommen ganz ohne Text aus, Farbe fehlt – doch gerade aus der Reduzierung heraus bleibt Raum für Zwischentöne, Stil und Erzählart ziehen zudem in die Zeit des Geschehens. Soeken gelingt es, subversiv immer wieder die Frage aufzuwerfen, warum der Glaube an Hierarchien in Kombination mit dummer Bürokratie und Korruption eine solche Katastrophe erzeugen konnte.

Ich bin rundum begeistert von dem Buch, habe auch gleich noch ein wenig mehr zu dem Unfall gelesen, weil ich dann angefixt war. Ein wenig schade finde ich allerdings, dass Soeken nicht erklärt, warum wir heute so wenig über den Unfall wissen – es scheint, dass die deutschen Einwanderer spätestens mit dem Ersten Weltkrieg nicht mehr so offen auf ihre Wurzeln verweisen wollten und das Unglück zu eng mit dem Label „deutsch“ verbunden war. Weiterer Meckerpunkt: Zwar gibt Soeken an, dass er seine Erzählung auf dem Wikipedia-Artikel sowie auf zeitgenössischen Zeitungsartikeln basiert, gerade dazu hätte ich aber gern mehr Infos gehabt, vielleicht wäre sogar der Abdruck einiger dieser Artikel im Anhang nützlich gewesen.

Fazit: Ich meckere mal wieder über Kleinigkeiten, denn eigentlich fand ich das Buch rundum toll. Wer New York liebt oder sich mit der Einwanderungsgeschichte der USA befasst, der findet hier einen sehr gelungenen und lesenswerten Mosaikstein dieser Geschichte.

Sprache 5/5
weiterführende Tipps 2/5
Gestaltung 5/5

Jan Soeken: Slocum. Schiffbruch auf dem East River. Avant 2021. ISBN: 978-3-96445-063-0, €22.

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