Stalins Großer Terror im Comic

Olga Lawrentjewas „Surwilo“

Cover "Surwilo. Eine russische Familiengeschichte"
c avant Verlag

Die Enkelkinder gehen mit der Großmutter zum Pilzesammeln und die Sprache kommt auf die eigene Familiengeschichte – so gerahmt erzählt Olga Lawrentjewa in „Surwilo. Eine russische Familiengeschichte“ nicht nur die Geschichte ihrer Großmutter, sondern eine Biographie, die exemplarisch für so viele in Russland steht und die Langzeitfolgen des Stalinistischen Regimes sichtbar macht.

Walentina Surwilo wächst gemeinsam mit ihrer liebevoll „Ljalja“ genannten Schwester und den Eltern in Leningrad auf. Die Zeiten sind hart, doch die Familie ist glücklich – bis der Vater 1937 als „Volksfeind“ beschuldigt wird. Die Ächtung, der Zerfall der Familie beginnt, verschärft noch durch den bald darauf beginnenden Krieg und die Leningrader Blockade.

Der Terror gegen “Volksfeind*innen”

Walentina wird zur Waisen, schlägt sich weiter durch. Als Tochter eines Verurteilten „Volksfeindes“ kann sie nirgendwo Anstellung finden, arbeitet schließlich als Krankenpflegerin in einem Krankenhaus für Häftlinge. Bei Bombenalarmen darf sie sich nicht etwa im Bunker schützen, sondern muss auf dem Hof stehen und die Einschläge notieren. Sie hungert, sie friert, sie arbeitet weiter.

„Surwilo“ erzählt im Rückblick, so dass Leser*innen von Beginn an wissen, dass Walentina überleben wird, dennoch sind das Leid, das sie erfährt, die Verluste, die sie ertragen muss, auf jeder Seite spürbar. Lawrentjewa erzählt die Geschichte einfühlsam und künstlerisch versiert, immer wieder verlässt sie die klassische Form der Panels und bietet auch mal ganzseitige Impressionen von besonders einschneidenden Erlebnissen. Russische Geschichte, Gewalterfahrung, aber auch menschliche Nähe und Wärme werden hier ausschließlich in Schwarz-Weiß zum Leben erweckt und vermitteln ganz sicher einen erweiterten, persönlich erzählten, Wissenszuwachs zu den Repressionen unter Stalin und Leningrad im Krieg. Das Buch in heutigen Zeiten zu lesen, bedrückt natürlich ganz besonders, was das Buch aber eigentlich nur noch wichtiger macht! Es ist gut, dass der avant-verlag hier einer russischen Stimme die Möglichkeit gegeben hat, auf Deutsch zu veröffentlichen und so die deutschen Narrative zum Krieg zu ergänzen.

Sprache 5/5
weiterführende Tipps 0/5
Gestaltung 5/5

Olga Lawrentjewa: Surwilo. Eine russische Familiengeschichte. Übersetzung aus dem Russischen von Ruth Altenhofer. [Ab 12 Jahren]. avant-verlag 2022. ISBN: 978-3-96445-073-9, €28.

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