Erfolgsgeschichten sichtbar machen: „Frauenpower made in Europe“ porträtiert herausragende Vorbilder

Cover Frauenpower made in Europe

Als ich letzten Sommer in Helsinki vor dem „Rebel Girls“-Bücherstapel stand und sich darum herum zig Publikationen zu starken Frauen in Finnland reihten, war ich einerseits hoch erfreut, andererseits keimte ein wenig die Frage in mir hoch, ob solche nationalstaatlichen Einschränkungen wirklich Sinn der Sache sind. Wie schön also, wenn nun ein Frauenvorbild-Band den Fokus ganz bewusst weitet. Das machen Petra Bachmann und Inka Vigh in „Frauenpower made in Europe“, das von arsEdition ab 10 Jahren empfohlen wird.

Aber natürlich bringt die Kategorie „Europa“ auch so einige Schwierigkeiten mit sich. Wo fängt Europa an, wo hört es auf? Als Osteuropahistorikerin freut mich natürlich, dass Russland scheinbar irgendwie mit dazu gehört, doch bleibt das Buch logischerweise eurozentristisch, ohne das zu reflektieren. Und, das viel größere Manko: Räumlichkeit an sich wird wenig thematisiert, die Bezüge untereinander werden wenig klar. Da geht es um Frauen wie Rosa Luxemburg oder Marie Curie, die offensichtlich ein mobiles, migrantisches Europa repräsentieren. Doch auch wenn ihre Biographien diese Mobilität nachvollziehbar werden lassen, fehlt eine übergeordnete Erzählung, die den Idealismus des Buchtitels einordnen oder thematisieren würde. Das ist wirklich schade, denn so geht dem Band vieles verloren.

Stattdessen bleibt eine Aneinanderreihung von Porträts, die allerdings wirklich toll geschrieben und gestaltet sind. Auch die Auswahl der dargestellten Personen ist ausgesprochen abwechslungsreich, so werden auch Berufsgruppen aufgegriffen, die sonst in solchen Darstellungen oft fehlen, etwa wenn Jutta Limbach als Präsidentin des Bundesverfassungsgerichts oder Sylvia Carduff als Dirigentin. Toll ist außerdem, dass in den Einzelporträts auch immer wieder gesamtgesellschaftliche Problemstellungen angesprochen werden, die Darstellung also nicht auf die Einzelperson ausgerichtet bleibt, sondern sie vielmehr exemplarisch für etwas steht. Hierzu tragen auch noch in loser Folge zwischen die Portraits gestreute „Sammelbiographien“ bei, die auf einer Doppelseite mehrere Frauen einer bestimmten Kategorie, beispielsweise im Sport, vorstellen.

Den längeren Porträts ist mindestens eine Doppelseite mit Bild, kleiner Chronologie der Lebensdaten und ausführlicherer biographischer Erzählung gewidmet. Die Porträts sind angenehm locker und übersichtlich gestaltet, das Buch lädt an jeder Stelle zum Entdecken, Vor- und Zurückblättern ein. Einige Personen, wie etwa Anne Frank, werden auf zwei Doppelseiten dargestellt. Hier wird dann auch auf das Anne Frank-Haus verwiesen.

Solche Hinweise auf weitere Möglichkeiten des Entdeckens fehlen ansonsten leider allzu oft. Besonders augenfällig wie traurig ist dies bei den wörtlichen Zitaten, die ebenfalls in jedem Porträt auftauchen. Gelegentlich wird hier die Quelle angegeben, in den meisten Fällen jedoch fehlt der Nachweis. Ob aus gestalterischen oder didaktischen Gründen bleibt unklar, gerade weil aber gelegentlich eine Quelle angegeben wird, wirken die anderen Zitate dann ein wenig fadenscheinig.

Fazit: Wir haben es hier mit einer zwar etwas pinken, sonst aber extrem ansprechend gestalteten und gut ausgewählten Porträtsammlung herausragender Frauen zu tun, die vom Mittelalter bis in die Jetzt-Zeit reicht und sicherlich viele inspirierende Vorbilder bereit hält. Der Trend, endlich mehr Geschichten von Frauen zu erzählen, hält offensichtlich an. Werden in den kurzen Porträttexten selbst durchaus immer wieder auch systemische Fragen angesprochen, fehlt doch ein wenig der Überbau. Gerade, dass „Europe“ im Titel auftaucht und dann aber so wenig reflektiert wird, ist wirklich schade. – Aber das kann sich ja durch Besprechen der Porträts noch ändern.

Gestaltung 5/5
Sprache 5/5
Didaktik 3/5
weiterführende Tipps 0/5
Handlung 5/5

Petra Bachmann: Frauenpower made in Europe. Große europäische Frauen im Porträt. Illustration und Gestaltung von Inka Vigh. Ab 10 Jahren. München: ArsEdition 2019. ISBN: 978-3-8458-3031-5. € 16.

Die Mauer als Brücke. Aline Sax legt mit „Grenzgänger“ eine Familiensaga zum geteilten Berlin vor

Coverbild "Grenzgänger" von Aline Sax

Dass die Mauer als Brücke fungiert, stimmt natürlich nur auf Ebene des Plots. Das Bollwerk zwischen Ost- und Westberlin spaltet scharf die Leben der Familie Niemöller, wirkt wie eine offene Wunde in den Biographien der Protagonist*innen und ist der rote Faden, der die Geschichten in „Grenzgänger“ miteinander verknüpft, denn Aline Sax erzählt auf mehreren Zeitebenen für Jugendliche ab 14 Jahren vom Leben im Unrechtssystem der DDR.

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