Ein klassisches Vexierspiel und die Absurdität der Mauer

Helen Endemanns „Todesstreifen“

Cover "Todesstreifen" von Helen Endemann
c rowohlt rotfuchs

Zugegeben, es braucht ein bisschen, bis Helen Endemanns Geschichte rund um Marc und Ben und das geteilte Berlin Fahrt aufnimmt. Das liegt vor allem daran, dass sie ihren Leser*innen ab 13 erst einmal jede Menge Hintergrundwissen mitgeben will, das leicht enzyklopädisch mitgegeben wird. Aber nach den ersten beiden Kapiteln von „Todesstreifen“ nimmt die Story rasend an Tempo auf und wird ein richtiger Thriller: Werden am Ende sowohl Ben als auch Marc es schaffen, dem repressiven System der DDR zu entkommen?

Das Ganze beginnt damit, dass Ben für einen Sportwettkampf in die DDR einreist. – Und dann fies entführt wird. Denn Marc hat entdeckt, dass Ben ihm unglaublich ähnlich sieht. Sein Plan: Ben entführen, mit seinem Pass und im Schutz der Sportgruppe in die BRD reisen und Ben wendet sich sofort an die Polizei und wird zurückgelassen. Doch das geht schief, denn Ben wird von den Behörden für Marc gehalten und landet sofort in einem der berüchtigten Jugendwerkhöfe – einem Umerziehungsheim für aufsässige Jugendliche.

Bedrückender Alltag – und Gründe zu bleiben

Endemann gelingt es, einige sehr plausible Verschlingungen in die Story einzufügen. Das Alltagsleben der DDR wird sichtbar, die Gründe, warum Menschen fliehen, aber auch warum sie bleiben wollten, laufen im Hintergrund eines sehr gut ausgetüftelten Plots mit. Der Verlag stellt außerdem Unterrichtsmaterial zur Verfügung, das eine intensive Erarbeitung der Geschichte über die spannende Handlung hinaus möglich macht. Das macht die fehlenden Tipps für eigene Recherche am Ende des Buches zumindest verschmerzbar.

Buch in Berlin

Länge sowie temporeicher Plot machen das Buch sicherlich auch für nicht so leseaffine Leserinnen als Schullektüre angenehm. Ich jedenfalls habe den Text an einem Abend verschlungen.

Was mir bei der Lektüre allerdings aufgefallen ist: Bei einigen der Wende-Bücher, die ich nun gelesen habe, wird der Grund für die Teilung Deutschlands kaum noch mitreflektiert (eine Ausnahme ist zum Beispiel „Grenzgänger“, Rezension hier). In der Tat hätte das in diesem Fall den Plot sicherlich auch verlangsamen können, dennoch frage ich mich, ob es der Tiefe des Geschichtsverständnisses wirklich zuträglich ist, die Teilung zwar als Ungerechtigkeit und gerade das System der DDR als verurteilenswert darzustellen, ohne Ursachen zu nennen. – Gerade dafür wären kommentierende Worte am Ende des Buches vielleicht gut gewesen.

Sprache 3/5
Didaktik 4/5
weiterführende Tipps 0/5 (aber Unterrichtsmaterial)
Handlung 5/5

Helen Endemann: Todesstreifen. Ab 13 Jahren. Hamburg: Rowohlt rotfuchs 2019. ISBN: 978-3-499-21841-5. € 14.

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