Ein Klassiker zur deutschen Geschichte

Klaus Kordons „Trilogie der Wendepunkte“

Cover "Die roten Matrosen"
c Gulliver

Ich habe vor einiger Zeit schon die Comic-Adaption von „Der erste Frühling“ besprochen (hier findet ihr den Text), jetzt wollte ich mich aber noch einmal der gesamten „Trilogie der Wendepunkte“ von Klaus Kordon widmen. Los geht es mit „Die roten Matrosen oder ein vergessener Winter“, dann kommt „Mit dem Rücken zur Wand“ und zuletzt eben „Der erste Frühling“. Die Trilogie erzählt letztlich die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts in Berlin am Beispiel der Arbeiterfamilie Gebhardt.

Im ersten Band steht Helmut, genannt Helle, im Mittelpunkt. Sollte er als Jugendlicher eigentlich das Leben genießen dürfen und sich auf die Schule konzentrieren, wird er vom Wirbel der gesellschaftlichen Umbrüche mitgerissen. Der Vater kommt aus dem Ersten Weltkrieg zurück – lebend, aber mit amputiertem Arm. Beide Eltern sind Kommunisten und Helle erlebt die revolutionären Kämpfe in Berlin aus nächster Nähe mit, auch weil er sich mit zwei jungen Matrosen anfreundet. Wir verfolgen, wie die Sozialdemokratie sich gegen die Spartakist*innen wendet, wir beobachten, wie Menschen sich mit dem Leben arrangieren, wie der Zwiespalt zwischen einfachsten Alltagssorgen und Hunger und dem Ringen um große Ideologien wächst und Bequemlichkeit und Geld die Oberhand gewinnen. Wir sehen, wie eine Revolution scheitert. Kordon erzählt detailliert, spannend und alltagsnah. Helle ist ein Protagonist, dem man gerne folgt, gerade, weil er alles andere als perfekt ist, sondern von vielem überfordert und auf der Suche nach dem richtigen Weg.

Cover "mit dem Rücken zur Wand"
c Gulliver

Helle begegnet uns auch in „Mit dem Rücken zur Wand“, allerdings ist er hier eine Nebenfigur. Wir folgen Hans, der im ersten Band der Trilogie noch ein Kleinkind war. Jetzt aber tritt er gerade seine erste Stelle an. Zwar keine Lehrstelle wie erhofft, aber immerhin überhaupt eine, wo doch die Mutter vor kurzem arbeitslos geworden ist. Während Helle klar politisch und kommunistisch eingestellt war und ist, ist der fünfzehnjährige Hans eher apolitisch. Doch das Jahr 1933 zwingt ihn, sich zu positionieren. Da sind die Eltern und Freund*innen, die er nicht verraten will, und die Nazis, die ihn dazu bringen wollen. Und da ist Mieze, seine erste Liebe, die Jüdin ist. Um Hans herum überschlagen sich die Ereignisse. Er gerät in Straßenschlachten, hilft Helle beim Widerstand, muss zusehen, wie der Vater verhaftet wird, und verliert die große Schwester Martha. Die nämlich entscheidet sich, bei ihrem Verlobten zu bleiben, obwohl er begeistert der SA beitritt. Es sind gerade diese Gewissensentscheidungen und fein erzählten psychologischen Momente, die „Mit dem Rücken zur Wand“ so lesenswert machen. Klaus Kordon steht – das wird auch im Nachwort klar – deutlich auf der kommunistischen Überzeugungsseite, gleichzeitig wird genug Kritik an den verbohrten Köpfen der Parteibonzen laut. Und vor allem wird deutlich: Jede*r, alles wird politisch, wenn eine Diktatur droht.

Cover "Der erste Frühling"
c Gulliver

Wie viel Unheil diese Diktatur angerichtet hat, erfahren wir dann endgültig in „Der letzte Frühling“. Hier ist es Änne, die Tochter von Helle und seiner Frau Jutta, die wir begleiten. Änne ist bei den Großeltern aufgewachsen, die sie so gut es ging vor der Indoktrinierung durch die Nazis geschützt haben. Jetzt aber ist der Krieg fast vorbei, das nationalsozialistische Regime am Ende. Und so erzählt Kordon an der Arbeiterfamilie Gebhardt, wie ein Neuanfang überhaupt möglich sein konnte. Wie ein Mann wie Helle, nach jahrelanger Inhaftierung im KZ, das Leben neu beginnen kann. Und wie viel Verluste die Menschen hinnehmen mussten – so haben weder Jutta noch Hans das Regime überlebt.

Kordon schreibt gut und detailliert. Dass er parteiisch ist, ist von der ersten Seite an spürbar und deutlich, schließlich wird hier klar perspektivisch erzählt. Die Lebensverhältnisse von Arbeiter*innen in Berlin, die konstante Not, der (nicht immer konstante) Zusammenhalt, die politischen Umbrüche, das alles transportiert diese Trilogie meisterhaft. Auch wenn die Bände schon ein wenig älter sind: Gut, dass Beltz die Romane weiter vorhält. Sogar in Schulausgaben.

Sprache 5/5
weiterführende Tipps 2/5 (Allerdings gibt es Schulausgaben)
Handlung 5/5

Klaus Kordon: Die Roten Matrosen oder Ein vergessener Winter. Beltz&Gelberg 2003 [1984]. Ab 14 Jahren. ISBN 978-3-407-78921-1, € 9,95.
Klaus Kordon: Mit dem Rücken zur Wand. Beltz&Gelberg 2000 [1990]. Ab 14 Jahren. ISBN 978-3-407-78922-8, € 10,95.
Klaus Kordon: Der erste Frühling. Beltz&Gelberg 2003 [1998]. Ab 14 Jahren. ISBN 978-3-407-78923-5, € 9,95.

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