Rassensegregation und Lynchjustiz

„Nelle und Tru. Eine Weihnachtsgeschichte“

Cover "Tru & Nelle. Eine Weihnachtsgeschichte"
c Urachhaus

Zugegeben: Ich war etwas skeptisch mit diesem Buch. Zwar habe ich vor einiger Zeit den ersten Band „Tru und Nelle“ besprochen, aber ob sich aus dem harten Stoff der Rassensegregation und Lynchjustiz in den amerikanischen Südstaaten wirklich „Eine Weihnachtsgeschichte“ machen ließe? G. Neri hat es geschafft, und das, ohne dabei ins Kitschige abzurutschen oder die Dinge zu beschönigen.

Erneut basiert die Geschichte auf der Grundidee der Kindheitsfreundschaft von Truman Capote und Nelle Harper Lee als den großen Autor*innen des amerikanischen 20. Jahrhunderts. Nachdem Truman im ersten Teil mit seiner Mutter nach New York gezogen war, flieht er im zweiten Teil zurück nach Monroeville. Seine Mutter verurteilt ihn für sein „unmännliches“ Auftreten und hat ihn in eine Kadettenschule geschickt, wo Truman es nicht länger aushält.

Er sucht Zuflucht bei seinen alten Verwandten und gerät – nach anfänglichen Annäherungsschwierigkeiten – mit seinem Cousin Big Boy, Edison und Nelle in allerlei Schwierigkeiten. Auf der Ebene von Truman und Nelle verhandelt das Buch erneut intensiv Rollenbilder und -verständnisse und erlaubt hier jede*r, den eigenen Vorstellungen zu folgen. Doch natürlich gerät der „Boys Club“ auch wieder in einen Verbrechensfall und hier laufen die Dinge aus dem Ruder: Denn aufgrund von Nelles Beobachtung werden zwei Schwarze festgenommen, die weder etwas mit dem Mord am Gemischtwarenhändler zu tun haben, noch ihre Unschuld beweisen können.

Es soll hier nicht zu viel von der Handlung verraten werden, doch gesagt sei, dass es zwar einerseits zu einem Weihnachtswunder kommt, andererseits jedoch der Justizmord geschieht. Neri zeichnet die rassistische Ungerechtigkeit eines Systems, die ideologische Verbohrtheit des Ku Klux Klans und die Hilflosigkeit derjenigen, die anders fühlen und denken. Dennoch lässt das Buch nicht hilflos zurück. Über das Nachwort und die Anregung zum Nachdenken wird Hilfestellung im Verständnis und der Reflexion gegeben. Erneut ein tolles Buch, dass es schafft, Weihnachtsstimmung zu erzeugen und trotzdem bittere, erschütternde Ungerechtigkeiten aufzuzeigen und beim Namen zu nennen.

Sprache 5/5
weiterführende Tipps 3/5
Handlung 5/5
Gestaltung 5/5

G. Neri: Tru und Nelle. Eine Weihnachtsgeschichte. Aus dem Englischen von Sylvia Bieker und Henriette Zeltner. Freies Geistesleben 2021. Ab 11 Jahren. ISBN: 978-3-7725-3122-4, €19.

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