Mut braucht Angst

Eine Flucht vor den Nazis für Kinder erzählt

Cover "Über die Grenze" von Maja Lunde
c Urachhaus

Selten werden auf dem deutschen Kinder- und Jugendbuchmarkt historische Erzählungen aus anderer als deutscher Perspektive erzählt – „Verloren in Eis und Schnee“ war ein Beispiel (Rezension hier). Umso toller ist es nun, dass wir der Frankfurter Buchmesse mit Norwegen als Gastland sowie Maja Lundes Starstatus auch in Deutschland (Die Geschichte der Bienen) zu verdanken haben, dass ihr Kinderbuch „Über die Grenze“ für Menschen ab 9 Jahren bei Urachhaus erschienen ist.

Norwegen im Zweiten Weltkrieg

Die Geschichte in „Über die Grenze“ erzählt uns die zehnjährige Gerda. Sie wohnt zusammen mit ihren Eltern und ihrem großen Bruder Otto sowie tagsüber dem Dienstmädchen Klara im sogenannten Doktorhaus. Eine glückliche Familie, doch der Krieg hat alles anders gemacht. Das Essen wird weniger, die Themen ernster. Und die Eltern verbieten Otto, mit seinem besten Freund zu spielen, da sein Vater ein Nazi ist. – Der Spalt durch die norwegische Gesellschaft geht tief. Vermutlich wäre diese Sippenhaft in umgekehrte Richtung gar nicht nötig, wenn Gerdas Eltern nicht Teil der Widerstandsbewegung wären. Erst merkt Gerda das gar nicht. Doch dann sind da plötzlich verdächtige Geräusche im Keller. Und als die Polizei kommt und die Eltern verhaftet, erfahren Otto und Klara, dass im Keller zwei jüdische Kinder versteckt waren, die eigentlich über die Grenze gebracht werden sollten. Der ängstliche und zugleich besserwisserische Otto ist wie versteinert. Für Gerda hingegen ist alles ein wunderbares Abenteuer und es braucht einige Höhen und Tiefen, bis auch bei ihr die Realität des Krieges, der Besatzung und der Judenverfolgung in aller Schrecklichkeit ins Bewusstsein eindringt.

Geschwisterliebe und Mut

„Über die Grenze“ ist ein wunderbar einfühlsam erzähltes Buch über Geschwister – ihre Unterschiede und Konflikte, aber auch die tiefe Liebe zwischen Bruder und Schwester. Es ist ein Buch, das uns erklärt, dass Mut immer auch Angst bedeutet und ein Text, der die nationalsozialistische Besatzung in Norwegen greifbar macht. Gleichzeitig gelingt es Maja Lunde durch einfache Kniffe, die Grenze zwischen „gut“ und „böse“ verschwimmen zu lassen und trotz aller Einfachheit der Sprache nicht in eine Simplifizierung menschlicher Motive zu geraten.

Gelegentlich sind einige Vorgriffe auf die Handlung („Da wussten wir noch nicht, dass…“) etwas störend im Lesefluss, weil sie den Kindern zu wenig Mitdenken zutrauen. Dennoch ist das Buch spannend erzählt und findet die genau richtige Balance zwischen Offenheit über die Bedrohungen und Überleben in der eigentlichen Situation, um die Leser*innen nicht zu sehr zu belasten. Ein wenig schade ist, dass keine Hintergrundinformationen geliefert werden, aber dieses Buch hat das Pontential, spannend genug zu sein, dass die Leser*innen selbst sich auf die Suche danach machen.

Gestaltung 5/5
Sprache 5/5
weiterführende Tipps 0/5
Handlung 5/5

Maja Lunde: Über die Grenze. Aus dem Norwegischen von Illustriert von Antje Subey-Cramer. Illustriert von Regina Kehn. Ab 9 Jahren. Stuttgart: Urachhaus 2019. ISBN: 978-3-8251-5151-5. € 16.

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