Die letzten Zeitzeug*innen

„Um 180 Grad“ von Julia C. Werner erzählt vom Erinnern an den Holocaust

Lennard (Lenny) hat Mist gebaut und wird jetzt diszipliniert: Als Lesepate im Altenheim soll er seine Schulden bei den Eltern abarbeiten und so Respekt lernen. Daran geht ihm so einiges auf den Zeiger. Das Erwischt-Worden-Sein beim Sprühen. Dass seine Kumpels mit weniger davon kommen. Dass er im Altenheim als Held gefeiert wird, obwohl er doch gar nicht frewillig da ist. – Julia C. Werner erzählt in „Um 180 Grad“ von typischen Jugendproblemen zwischen Trotz und Selbstfindung für Menschen ab 13 Jahren. Doch dann geht die Geschichte plötzlich tiefer, denn Lennys Zuhörerin entpuppt sich als ausgesprochen sympathische und lebenskluge Frau, die das KZ überlebte.

Natürlich dauert es ein bisschen, bis Lennard das über Frau Silberstein erfährt. Diese nämlich lässt ihm viel Spielraum. Als sie erfährt, dass er eigentlich zur Strafe da ist, erlaubt sie ihm, die Zeit einfach nur abzusitzen, ohne Vorlesen. Das nimmt Lennard erst an. Er ist von der Gesamtsituation schon vollkommen überfordert. Alter und Gebrechlichkeit, Trauer und Einsamkeit – vieles strömt auf ihn ein. Und dann sind da noch der tiefe Trotz und die Wut. Die führen dazu, dass er gleich ein Handy auf dem Gästeklo mitgehen lässt. Dass darauf die Kontakte zu Frau Silbersteins Familie gespeichert sind und sie dank ihm nun wirklich niemanden mehr hat, kann er ja nicht wissen. Als er es jedoch erfährt und Frau Silberstein und er sich nach und nach anfreunden, wird das moralische Dilemma immer größer.

Von Verantwortung und dem Versuch, Dinge richtig zu machen

Julia C. Werner erzählt hier spannend und einfühlsam, wie zwischen zwei Fremden Freundschaft und Vertrauen entsteht. Wie Lenny verzweifelt versucht, sein Leben wieder gerade zu biegen – aus sich selbst heraus und nicht, weil die Eltern es wollen. Wie er umgekehrt eigentlich auf ein offenes Elternhaus zurückfallen kann, in dem Probleme besprochen und nach Möglichkeit gemeinsam gelöst werden. Zu alledem hinzu kommt dann auch noch eine Liebesgeschichte. Die hätte es – für mich – nicht unbedingt gebraucht, zumal die Mädchen in diesem Roman trotz weiblicher Autorin merkwürdig klischeehaft bleiben. Lennys Schwarm Lea ist vor allem einfach nett und extrem gutaussehend, seine kleine Schwester hingegen vor allem zickig. Trotzdem hilft dieser Erzählstrang natürlich, das eigentliche Drama etwas leichter verdaulich zu halten.

Der Erzählung angeschlossen ist ein erklärendes Nachwort, das zudem um Quellenhinweise ergänzt ist, so dass einer weiteren Lektüre und Recherche ausgehend von diesem wirklich empfehlenswerten fiktionalen Text nichts im Wege steht. Vorbildlich!

Sprache 5/5
Didaktik 5/5
weiterführende Tipps 5/5
Handlung 4/5

Julia C. Werner: Um 180 Grad. Urachhaus 2020. Ab 13 Jahren. ISBN 978-3-8251-5237-6, €18.

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