Schatzfieber!

„Verborgene Schätze, versunkene Welten“ macht Lust auf die Vergangenheit und Abenteuer

Cover "Verborgene Schätze, versunkene Welten"
c Gerstenberg

Die Autorin Silke Vry hat selbst Archäologie studiert und das ist „Verborgene Schätze, versunkene Welten“ anzumerken. In diesem Buch ab 10 Jahren versammelt sie 21 Kapitel über berühmte Archäologen und ihre Forschungen. Der liebevoll gestaltete Band fasziniert umso mehr, da Martin Haake die spannende, lockerleichte Erzählform Vrys kongenial mit lebendigen Illustrationen versieht. Beides auf einmal macht Lust auf Reisen und Abenteuer.

Im Einstiegstableau des Inhaltsverzeichnisses empfängt uns erst einmal eine Weltkarte, wo die 21 historischen Stätten verortet sind, so dass räumliche Fragen geklärt werden können. Bis auf Australien und Neuseeland sind alle Kontinente vertreten, was schon einmal zu einer tollen Diversität der Erzählungen beiträgt. Alsdann geht Vry chronologisch vor. Sie beginnt mit der eher zufälligen Entdeckung der Laokoon-Gruppe durch einen Weinbauern und endet mit Franck Goddio, der professionelle Unterwasserarchäologie betreibt. Dazwischen lernen wir besonders viele Akteure des 19. Jahrhunderts (und frühen 20.) Jahrhunderts kennen – Zeiten, in denen Forschung und Wissen gleichsam zu einem Wettstreit zwischen den europäischen Mächten wurden, die Funde unverfroren in das jeweilige Heimatland des Forschers verfrachtet.

Sind die “Entdecker” wirklich Entdecker?

Die Gefahr, hier in einen Eurozentrismus zu geraten, ist natürlich sehr präsent. Gelegentlich bricht Vry das auf, indem sie beispielweise den Begriff „entdecken“ in Anführungszeichen setzt und darauf hinweist, dass es natürlich schwer ist, etwas zu entdecken, das in der lokalen Bevölkerung gar nicht vergessen war – das gilt zum Beispiel für Hiram Bingham und Machu Picchu 1911 oder Henri Mouhot und Angkor Wat 1859. An mehreren Stellen problematisiert sie auch die Mitnahme der Funde, wird hier jedoch nicht allzu kritisch. Die aktuellen Diskussionen über Rückgaben beispielsweise tauchen überhaupt nicht auf.

Wie funktioniert Archäologie?

Über die Darstellung der einzelnen Biographien entsteht ein spannendes Panorama der Wissensgeschichte, vor allem des 19. und 20. Jahrhunderts. Das gilt natürlich besonders für den Wissenschaftszweig der Archäologie. Es werden neue Arbeitsformen entwickelt, beispielsweise die Gipsausgießungen durch Giuseppe Fiorelli in Pompeji oder die experimentelle Archäologie durch Thor Heyerdahl. Aber auch schon der Fortschritt, ägyptische Grabkammern nicht einfach nur aufzusprengen, um an Gold zu gelangen, sondern diese vorsichtig zu suchen und zu dokumentieren, wird mehrfach deutlich (zum Beispiel zum Kapitel zu Giovanni Battista und seine Arbeit in Ägypten). Gleichzeitig sind natürlich viele der dargestellten Männer das, was wir heute als „Nerds“ bezeichnen würden. – Positive Identifikationsfiguren also für alle Wissenshungrigen! Toll ist auch, dass Vry schon im Vorwort thematisiert, warum keine Frauen – oder wenn dann nur als Randfiguren – auftauchen. Ein bisschen mehr Systemkritik hätte dabei vielleicht aufkommen können (Zugang zu Bild und so), ansonsten ist es aber toll, dass die Leser*innen auf diese Lücke aufmerksam gemacht werden.

Wissen als Macht

Immer wieder wird im Buch deutlich, wie eng Wissen mit (außenpolitischer) Macht und Prestige verknüpft war. Gelegentlich hätte ich mir dazu noch etwas mehr Hintergründe, etwa generell zu Kolonialisierung in Erklärkästen gewünscht. Insgesamt aber ist dieses Buch ein wirklicher Hingucker, weit über die Zielgruppe ab 10 Jahren hinaus und lädt zum immer-wieder-lesen ein. Fernweh wird geweckt, Wissenshunger gestillt und zum Schluss werden nicht nur Quellenangaben zu den einzelnen Kapiteln gegeben, sondern auch noch weitere Lese- und Museumstipps. Kein Wunder, dass dieser rundum tolle Band 2018 für den Jugendliteraturpreis nominiert war!

Gestaltung 5/5
Sprache 5/5
Didaktik 3/5
weiterführende Tipps 5/5

Silke Vry / Martin Haake: Verborgene Schätze, versunkene Welten. Große Archäologen und ihre Entdeckungen. Gerstenberg 2018. Ab 10 Jahren. ISBN 978-3-8369-5994-0, €24,95.

Über die ebenfalls im Buch auftauchenden Forscher Stephens und Catherwood bei den Maya hat Silke Vry übrigens schon einmal ein Sachbuch für Kinder veröffentlicht, das ich hier besprochen habe: https://lies-geschichte.de/durch-den-dschungel-zu-den-maya/

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