Abenteuer rund um die Leningrader Blockade: Verloren in Eis und Schnee von Davide Morosinotto

Cover "Verloren in Eis und Schnee"

Das Ende der Leningrader Blockade jährte sich gerade zum 75. Mal, in St. Petersburg wurde dem Anlass mit großer Militärparade gedacht (https://www.tagesschau.de/inland/leningrad-blockade-entschaedigung-101.html). Davon aber, wie die Belagerung der Stadt begann und die Zwillingsgeschwister Nadja und Viktor damit umgehen, handelt Davide Morosinottos Abenteuerroman “Verloren in Eis und Schnee“, der 2018 bei Thienemann erschienen ist und vom Verlag ab 12 Jahren empfohlen wird.

Morosinotto versucht mit seinem Roman einen echten Spagat: Einerseits soll die Handlung spannend sein, andererseits nah an der historischen Realität. Dafür ist das Buch sehr aufwändig gestaltet. Die Handlung wird über die parallel geführten und farblich abgegrenzten Tagebücher der Geschwister wiedergegeben, jedoch finden sich zwischen den „Heften“ immer wieder Anmerkungen eines KGB-Offiziers, der die Hefte untersucht und auch Anmerkungen an den Rand schreibt. Seine Überlegungen, ob die Kinder für ihr in den Heften beschriebenes Verhalten verurteilt werden sollen, und seine Entscheidung dazu bilden den Rahmen des Buches und bauen die dramatische Fallhöhe auf.

Die Illusion des Tagebuchs

Die Geschichte setzt am Tag des Überfalls auf die Sowjetunion ein. Von einem Tag auf den anderen verändert sich das Leben für Nadja und Viktor schlagartig. Ihre Eltern, die beide in der Eremitage arbeiten, schicken sie mit einem Kinderzug aufs Land, um sie vor dem Krieg zu schützen. Doch die Kinder werden getrennt. Während Nadja überhaupt nicht weit von Leningrad entfernt in der Nähe des Ladogasees landet, gerät Viktor auf eine Kolchose in Kasan. Doch er hatte seinem Vater versprochen, auf Nadja aufzupassen. Also macht er sich durch Eis und Schnee auf die Suche nach ihr, obwohl das Gerücht umgeht, sie sei mit allen anderen Kindern aus ihrem Zug bei einem Bombenangriff getötet worden. Von ihren Erlebnissen berichten die Geschwister gewissenhaft in ihren „Heften“, die sie vom Vater mit auf die Reise bekamen. Immer wieder kleben sie hier auch Fotos und Karten ein, was das Verständnis erleichtert. Gelegentlich wird unrealistisch viel erklärt über das sowjetische Leben, die beiden Kinder hätten das gewiss nicht getan, würde sich der Text nur an ihre Eltern richten. Insofern wirken die Texte an manchen Stellen ein klein wenig unauthentisch. Aber so ist das Buch auch für Menschen gut lesbar, die sich in der sowjetischen Geschichte überhaupt nicht auskennen.

Sowohl Nadja als auch Viktor finden auf ihrer Abenteuerreise neue Freundinnen und Freunde und wachsen über sich selbst hinaus. Dabei brechen sie – wie der KGB-Offizier nicht müde wird uns per Randbemerkung zu versichern – einige Gesetze, etwa wenn Viktor einen Lastwagen klaut, um über den zugefrorenen Ladogasee zu fahren. Dennoch schaffen sie es am Ende, nicht nur einander wiederzufinden, sondern auch einen Weg zur Durchbrechung der Blockade zu erschließen und so zumindest einen Teil des Hungerleides zu lindern.

Starke Charaktere, viel Abenteuer

Die Stärke von Morosinottos Buch liegt sicherlich in der lebendigen Erzählweise. Sowohl Nadja als auch Viktor berichten eindringlich von ihren Erlebnissen und sind dabei überzeugt von den Idealen des Kommunismus. Gerade die Fremdheit einiger ihrer Ausdrücke ist dabei erfrischend und erschließt das damalige Empfinden. Die Figur der Klara, Viktors beste Freundin, ist schlau gewählt, hat sie doch deutsche Eltern und bringt so den „Feind“ und alle Vorurteile ihm gegenüber mitten in die Gruppe. Auch die Idee rund um den KGB-Offizier ist grundsätzlich toll, gelegentlich aber etwas bemüht und angestrengt umgesetzt. Wenn auch zwischen den Heften wieder die Frage auftaucht, ob Nadja und Viktor nun schuldig seien, wird eine etwas zu pädagogisch bemühte Atmosphäre aufgebaut, die sich aber zum Glück sofort wieder verliert, wenn die beiden weitererzählen. Ein wenig schade ist es, dass Viktor derjenige ist, der Nadja retten muss, ansonsten werden Geschlechterrollen aber gut unterlaufen, Viktor hat jede Menge Hilfe von Klara und Nadja kommt wunderbar alleine zurecht, ja, entwickelt immer wieder Ideen und Pläne, mit denen es gelingt, eine ganze Festung (Oreschek) gegen die Deutschen zu verteidigen.

Verschenkt: Tipps zum Weiterlesen

Wie schon oben beschrieben erklären Nadja und Viktor gelegentlich über das für sie realistische Maß hinaus. Offensichtlich sollte so vermieden werden, dass ein Glossar am Ende des Buches folgen muss. Und so ist das Ende denn auch die eigentliche Enttäuschung: Während der KGB-Offizier noch schnell die weiteren Schicksale der Protagonist*innen notiert und dann sein Urteil fällt, womit alle Erzählfäden sauber zusammengeschnürt werden, liefert uns der Autor als dann noch ein „Nachwort für wissbegierige Leserinnen und Leser“. Darin erzählt er uns, dass er sich das meiste nicht ausgedacht hat, manches aber eben doch. Und dass einer seiner Großväter ebenfalls in Russland gekämpft hat – und das war es. Keine Lesetipps, keine genauere Erklärung, was nun erfunden wurde und was nicht. Das ist wirklich unfassbar schade, gerade weil das Abenteuer der Geschwister im Roman so im Vordergrund steht und die Geschichte so gut erzählt ist, dass sicherlich einige Leser*innen gerne mehr erfahren würden. – Ich kann daher hier nur auf einen anderen Text, nämlich „Lenas Tagebuch“ verweisen, den ich auch bald rezensieren werde.

Fazit: “Verloren in Eis und Schnee. Die unglaubliche Geschichte der Geschwister Danilow” ist ein absolut spannendes Jugendbuch, das wegen seiner aufwändigen Gestaltung und kurzweiligen Art sicherlich auch für Lesemuffel seinen Reiz hat. Ein, zwei Lesetipps zum Schluss und dafür etwas weniger sperrige Erklärung im Text sowie Pädagogik durch den KGBler hätten allerdings gut getan.

Ein kleiner Lesetipp daher noch von mir: Wer einen realistischen Einblick in die Lebensverhältnisse in Leningrad während der Blockade nicht scheut, dem sei Lena Muchinas Tagebuch wärmstens ans Herz gelegt. Zur Resension geht es hier.

Bewertung

Gestaltung 5/5
Sprache 4/5
weiterführende Tipps 0/5
Handlung 5/5

Davide Morosinotto: Verloren in Eis und Schnee. Die unglaubliche Geschichte der Geschwister Danilow. Aus dem Italienischen von Cornelia Panzacchi. ISBN 978-3-522-20251-0 . Stuttgart: Thienemann 2018. €18,00.

3 Gedanken zu „Abenteuer rund um die Leningrader Blockade: Verloren in Eis und Schnee von Davide Morosinotto“

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