In den Mühlen der Jugendfürsorge der DDR

„Verraten“ von Grit Poppe

Cover "Verraten" von Grit Poppe
c Dressler

Es ist 1986 und der GAU in Tschernobyl erschüttert die Welt – oder eben auch nicht, je nachdem, welche Medien man konsumiert. Aber das ist nicht das einzige Moment, das Sebastians Alltag und seinen Glauben an die DDR ins Wanken bringt. Seine Mutter ist gestorben und plötzlich landet er einem „Durchgangsheim“, das sich gut und gerne als Gefängnis beschreiben lässt. Grit Poppe erzählt in „Verraten“, wie leicht es war in die Mühlen des DDR-Unrechtsregimes zu geraten und wie schwierig ein Leben war, in dem Vertrauen gleichsam den eigenen Untergang bedeuten konnte.

Im Dienst der Stasi

Denn Sebastian gelingt es, nicht in ein Kinderheim gebracht zu werden. Sein verschwunden geglaubter Vater holt ihn zu sich. Doch von wiedergefundener Idylle kann keine Rede sein – vielmehr erfährt Sebastian, dass sein Vater als Regimekritiker im Gefängnis saß und nun soll er, Sebastian, den eigenen Vater bespitzeln. Der Junge lässt sich darauf ein. Auch, weil er Angst hat, dass sonst Katja auffliegt. Katja, die mit ihm aus dem Durchgangslager geflohen und ganz anders als er schon oft mit dem System aneinandergeraten ist.

Die Geschichte wird abwechselnd aus der Sicht Sebastians, hier allerdings in personaler Erzählweise, und aus Sicht Katjas, hier als Ich-Erzählerin, geschildert. Sebastians innere Zerrissenheit zwischen Einfach-nicht-Anecken-wollen und Loyalität zur regimetreuen Mutter auf der einen und der rebellischen Katja auf der anderen Seite wird gut deutlich. Gelegentlich fehlt es allerdings an emotionaler Tiefe – Sebastian lässt die Dinge eben einfach mit sich geschehen. Katja ist da anders, hier wird der Hunger nach Freiheit deutlich, genau wie die Unerbittlichkeit einer Jugendfürsorge, die Abweichler*innen aufs Abstellgleis stellt.

Tolles Zusatzmaterial: Oral History und wissenschaftliche Lektüre

Das Ende des Buchs ist positiv gesagt offen, negativ gedeutet unrealistisch naiv. Dennoch lässt sich, auch Dank des begleitenden Unterrichtsmaterials sagen, dass hier ein Buch vorliegt, dass sich prima gemeinsam lesen und diskutieren lässt. Genug Identifikationsangebote werden jedenfalls gemacht. Besonders reizvoll ist außerdem, dass Grit Poppe im Anhang ihre Recherchequellen offenlegt und zwar einerseits aus der wissenschaftlichen Literatur, andererseits aber auch in Form eines abgedruckten Interviews. Das ist toll gemacht und hilft bei der Entwirrung von Fiktion und historischem Stoff. Alles in allem also ein gutes, kurzweiliges Buch über Jugend in der Schlussphase der DDR.

Sprache 5/5
weiterführende Tipps 5/5
Didaktik 5/5
Handlung 5/5

Grit Poppe: Verraten. Dressler 2020. Ab 14 Jahren. ISBN: 978-3-7915-0164-2, €12.

Unterrichtsmaterial: https://www.oetinger.de/buch/verraten/9783751300193

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