Ein Lobgesang des Lebensmuts

Roxane van Iperen berichtet über jüdische Frauen im niederländischen Widerstand

Cover "Ein Versteck unter Feinden"
c Hoffmann und Campe

Eigentlich ist „Ein Versteck unter Feinden“ ein Buch für Erwachsene, dennoch ist es eine geradezu perfekte Ergänzung zu „Reden ist Verrat“, das ich vor kurzem hier besprochen habe. Darum will ich es doch zumindest kurz vorstellen. Roxane van Iperen kam auf persönlichen Pfaden zu dieser Geschichte: Sie zog in ein im Wald verborgenes Haus nahe Amsterdam und fand immer mehr Details über dieses „hohe Nest“ (‘t hoge nest) heraus: Dort hatten sich im Zweiten Weltkrieg mehrere Menschen versteckt.

Aus Faszination recherchiert sie die Vergangenheit des Hauses und taucht alsbald ab in die Geschichte von Janny und Lien, zwei jüdischen Schwestern. Beide bewegen sich in linkspolitischen Kreisen, aber während Lien als Tänzerin eher in der subversiven Kulturszene verankert ist, ist Janny noch stärker politisiert, hat sich schon im spanischen Bürgerkrieg für die Roten engagiert. Nun aber ist der Krieg mit der nationalsozialistischen Besetzung auf einmal im eigenen Land. Janny und Lien setzen alles daran, den Widerstand zu stützen. Sie drucken zum Beispiel Untergrundzeitungen und verteilen diese.

Verzweifelte Suche nach einem Versteck

Doch irgendwann geht es vor allem um eines: Sich selbst verstecken und möglichst viele weitere. Über Winkelzüge gelingt es den Frauen und ihren Männern das Landhaus zweier reicher Damen zu mieten und es wird zum Schlupfwinkel für allerlei Untergetauchte. Roxane van Iperen stellt immer wieder lange Linien her. So hat das Haus der Komponist Dirk Witte das Haus gebaut. Sein Lied „Mensch, durf te leven“ (Mensch, trau dich zu leben) macht sie zum Leitmotiv des Buches. Ihre Beschreibung der Frauen ist voll der Bewunderung vor ihrem Lebensmut, vor ihrer Chuzpe, das Richtige zu tun.

Eine Biographie zwischen Fakt und Fiktion

Gelegentlich nimmt der Pathos ein wenig überhand, alles in allem aber ist „Ein Versteck unter Feinden“ ein facettenreiches Portrait des niederländischen Widerstands. Anders als „Reden ist Verrat“ werden hier noch größere Zusammenhänge deutlich. Dafür bleibt die Distanz zu den Personen größer, gibt es hier doch keine Ich-Erzählerin, die uns mitnimmt in ihre Gedanken- und Motivationswelt. Das liegt möglicherweise auch daran, dass die Autorin mit ihren beiden Hauptfiguren nicht mehr persönlich sprechen konnte. Das wird in den für eine so literarisch aufbereitete Biographie ungewöhnlich detaillierte Quellenhinweisen deutlich. Fazit: Für Jugendliche ist dieses Buch sicherlich genauso lesenswert wie „Reden ist Verrat“. Lebensmut, Courage und ein wenig Liebe – wer braucht sie nicht.

Sprache 5/5
weiterführende Tipps 5/5

Roxane van Iperen: Ein Versteck unter Feinden. Aus dem Niederländischen von Stefan Wieczorek. Hoffmann und Campe 2020. ISBN 978-3-455-00645-2, €24.
http://www.hoffmann-und-campe.de/buch-info/ein-versteck-unter-feinden-buch-12213/

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