Vom Fliehen, Verlieren und Ankommen

Alan Gratz‘ erzählt in „Vor uns das Meer“ drei Fluchtgeschichten

Cover "Vor uns das Meer"

Es ist eine universelle Wahrheit, die Alan Gratz uns in „Vor uns das Meer“ erzählt: Wer flieht, der macht das nicht aus Spaß oder Lust auf Luxus. Es ist ein großer Schritt, alles Bekannte, Geliebte zurückzulassen und sein Leben zu riskieren, um vielleicht ein besseres Leben zu gewinnen. Sonst aber unterscheiden sich die drei Geschichten in diesem Jugendbuch ab 12 Jahren aberr fundamental, obwohl sie eng miteinander verwoben sind.

Das Buch erzählt in gleichmäßiger Reihenfolge je ein Kapitel zur separaten Fluchtgeschichte. Am Anfang ist da Josef, der zusammen mit seiner Familie 1939 vor dem nationalsozialistischen Regime flieht. Zusammen mit seiner kleinen Schwester und seinen Eltern gelangt er auf die St. Louis, um nach Kuba zu fahren und von dort aus weiter nach Amerika zu kommen. Doch Josefs Vater ist von einer Inhaftierung im Konzentrationslager komplett gebrochen. Immer mehr muss Josef die Position als Erwachsener einnehmen und muss doch jämmerlich scheitern, da die Passagier*innen der St. Louis nicht auf Kuba aufgenommen werden.

Einer der Polizisten, die Josef und den anderen Menschen an Bord den Weg an Land verwehren, ist der Großvater von Isabel, die 1994 von Kuba in die USA fliehen will. Hier ist es nicht direkte Verfolgung des Lebens, sondern die Unzufriedenheit mit dem Regime sowie das Risiko, dass Isabels Vater wegen der Teilnahme an einem Aufruhr verhaftet werden könnte, der die Familie dazu bringt, Kuba in einem selbstgebauten Boot zu verlassen.

Zu guter Letzt begleiten wir Mahmoud und seine Familie 2015 bei der Flucht aus Aleppo. Sie flüchten vor direkten Bombardements, vor einer unübersichtlichen Bürgerinnenkriegslage. Gerade angesichts der gerade wieder grassierenden Bilder von Flüchtenden, die brutalst an den europäischen Außengrenzen abgewiesen werden oder in unerträglichen Zuständen in Flüchtlingsunterkünften hausen müssen, berührt diese Geschichte zutiefst.

In allen drei Fällen sind es die Jugendlichen, die immer wieder Initiative ergreifen, denen es gelingt, auch schwierige Situationen zu meistern. Doch in allen drei Fällen müssen die Jugendlichen auch mit schweren Verlusten, mit Tod und Abschied umgehen. Ich frage mich bei solchen Geschichten ja immer, ob es legitim ist, historische Schicksale so zu parallelisieren. Gratz gelingt es aber großartig, die jeweils individuellen historischen Situationen herauszuarbeiten und eben genau gleichzeitig auf Parallelen, ähnliche Ängste und Sorgen, hinzuweisen.

Wie gut die Geschichten recherchiert sind, zeigt ein Nachwort des Autors, der erklärt, wie er mit der historischen Situation für sein Buch umgegangen ist und Hintergründe liefert. Ein bisschen schade ist, dass nicht Tipps zum Weiterlesen darüber hinaus angeboten werden. Ebenso traurig ist, dass Gratz zwar anspricht, was wir selbst tun könnten, dabei aber bei Spenden stehenbleibt. Er gönnt den Jugendlichen in seiner Geschichte so viel Wirkmächtigkeit, so viel Kraft und Mut – da hätte er seinen Leser*innen auch mehr zutrauen dürfen.

Gestaltung 5/5
Sprache 5/5
Didaktik 4/5
weiterführende Tipps 2/5
Handlung 5/5

Alan Gratz: Vor uns das Meer. Aus dem Englischen von Meritxell Janina Piel. Ab 12 Jahren. München: Hanser 2020. ISBN: 978-3-446-26613-1. € 17.

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