Aufständische Frauen

Rebecca Halls „Wake. The Hidden History of Women-Led Slave Revolts”

c Simon&Schuster / Martínez

Es ist ein wenig außer der Reihe, dass ich hier ein englischsprachiges Buch vorstelle, aber als ich auf Rebecca Halls „Wake“ aufmerksam wurde, konnte ich nicht widerstehen – einerseits weil das Thema unfassbar wichtig ist (und randständig mein aktuelles Forschungsprojekt berührt) und andererseits weil ich es spannend finde, wie eine Historikerin ihre Arbeit in ein Comic umsetzen und reflektieren kann.

Hall arbeitet autobiographisch. Sie nimmt uns mit auf die unterschiedlichen Forschungsstationen für ihre Dissertation, erklärt aber auch ihren persönlichen Antrieb, sich dem Thema versklavter Frauen zuzuwenden – ihre Großmutter selbst hatte noch in Sklaverei gelebt. Hall entdeckt immer wieder vereinzelte Hinweise auf Frauen in ihren Quellen. Schwarze Frauen, die für so unwichtig gehalten werden, dass beispielsweise ihre Aussagen vor Gericht gegen die Aufständischen gar nicht erst aufgezeichnet werden. Und so wird Halls Suche die nach der sprichwörtlichen Nadel im Heuhaufen.

Aktuelle Forschungen zum Widerstand gegen Sklaverei

Dass es überhaupt Aufstände auf den Schiffen des transatlantischen Handels mit Versklavten gab, war lange ein unterbelichtetes Thema der Forschung. Quantitative Studien zeigen jedoch, dass auf einem von zehn Schiffen ein solcher Aufstand stattfand. Hall stellt fest, dass sie die bisher als statistischen Zufall abgetane Entdeckung, dass Aufstände auf Schiffen mit vielen versklavten Frauen wahrscheinlicher waren, sich logisch erklären lassen – Frauen wurden von den Menschenhändlern als passiv abgetan und für ungefährlich gehalten, zudem sollten sie für sexuelle Gewaltakte schneller zugänglich sein und wurden daher auf dem Achterdeck gefangen gehalten und nicht unter Deck. So hatten sie in der Regel eine etwas größere Bewegungsfreiheit und konnten unter Umständen Waffen organisieren.

Ist schon allein diese Geschichte spannend und erzählenswert genug, fasziniert Halls Umgang damit umso mehr. Immer wieder stößt sie an die Grenzen der Quellen, die zum Teil direkt zitiert werden, und wandert in das Reich der Spekulation. Sie reflektiert auch ihre engagierte Art der Geschichtsschreibung. „Wake“ ist eben das – eine Toten- und Mahnwache, ein Gedenken an all jene, die der Sklaverei zum Opfer fielen. Dass aktuelle Forschung und Quellen direkt einbezogen werden und klar zwischen Spekulation und Verifizierbarem getrennt wird, macht dieses Comic zu einem der besten historischen, die ich je gelesen habe. Ich bin vollends begeistert von diesem Buch, dass Hugo Martínez einfühlsam und respektvoll, ohne jede Effekthascherei, in Szene gesetzt hat. Hoffentlich erscheint es auch auf Deutsch!

Handlung 5/5
Sprache 5/5
weiterführende Tipps 5/5
Didaktik 5/5
Gestaltung 5/5

Rebecca Hall (Text) / Hugo Martínez (Bilder): Wake. The Hidden History of Women-Led Slave Revolts. Simon & Schuster 2021. ISBN 978-1-982-11518-0, €26,99.

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