Der Erste Weltkrieg als Schmöker?

“Weg in die Dunkelheit” von Dominik Sandbrook

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Ein einzigartiges Gesamtbild des Ersten Weltkrieges in einer fundierten, mitreißenden und dramatischen Erzählung für Leser*innen ab 10 Jahren.” Nicht weniger verspricht der Verlag von der Lektüre Dominic Sandbrooks “Weg in die Dunkelheit. Der Erste Weltkrieg”. Es ist der erste Band der “Weltgeschichte(n)”-Reihe, den ich gelesen habe – und es wird wohl auch der letzte gewesen sein.

Angesprochen hatte mich als “Herr der Ringe”-Begeisterte, dass im Klappentext auch J.R.R. Tolkien als einer der Aktuere erwähnt wird. Tatsächlich würde ich das auch als die Stärke des Buches ausmachen: Sandbrook versucht, über einzelne, emotional packende Geschichten ein Gesamtpanorama des Krieges zu erzeugen. Jedoch bleibt dieses ärgerlich löchrig. Sandbrook bleibt fast ausschließlich bei den Kampfhandlungen, geht wenig auf soziale und gesellschaftliche Hintergründe ein – nur in Russland schaut er ein wenig auf den Aufstieg Lenins. Doch auch in dem Falle bleibt das Gesellschaftsbild blass, Frauen sind gar nicht existent. So bleibt das Buch im Anekdotischen verfangen, den Spannungsbogen liefert nur der Krieg selbst – und wie der ausging, wusste ich vorher schon.

Nun sind das ungewöhnlich harsche Worte für meinen Blog, in der Regel schreibe ich immer eher diplomatisch, weil ich fest davon überzeugt bin, dass das Geschmäcklerische wenig taugt und jedes Buch seine*n Leser*in findet, es eher meine Aufgabe ist, deutlich zu machen, was für eine Art von Lektüre jeweils auf die Leser*innen wartet. In diesem Fall aber war ich schon im ersten Kapitel verärgert und ab da ein wenig voreingenommen. Es geht auf Seite 19 los, dass die Habsburger Monarchie als in “vielerlei Hinsicht […] liebenswert altmodische[r] Staat” bezeichnet wird. Was, bitte, ist das für eine Wertung, zumal angesichts der Tatsache, dass dieser Staat die ungarischen Unabhängigkeitsbestrebungen dann wohl “liebenswert altmodisch” niederknüppelte, um nur ein Beispiel zu nennen, warum diese Adjektive wirklich schräg sind? Noch besser wird es dann auf Seite 20: “Die meisten Bosnier waren jedoch bettelarm, und selbst nach Jahrzehnten österreichischer Herrschaft konnten neun von zehn Einwohnern weder lesen noch schreiben” – mir fällt wirklich nicht ein, wie man Jugendliche eine imperiale Idee westlicher Überlegenheit noch besser eintrichtern könnte… Es gibt noch ein paar ähnliche Beispiele, aber vielleicht genügen diese hier schon, um deutlich zu machen: Was hier als Weltgeschichte verkauft wird, ist fröhlicher Eurozentrismus par Excellence.

Gut ist, dass dem Versuch der Emotionalität wenigstens ein Nachwort zur Seite gestellt wird, in dem Sandbrook Tipps für Nachschlagewerke und zur weiteren Lektüre gibt. Für mich bleibt als Fazit, dass es natürlich auch ein klein wenig unrealistisch ist, auf vierhundert Seiten ein Gesamtpanorama des Krieges zu erzählen, emotional aufzurütteln und trotzdem sachlich korrekt zu bleiben. Die Lücken hätte ich verschmerzen können, die unreflektierte Perspektive dagegen nicht.

Gestaltung 5/5
weiterführende Tipps 5/5
Didaktik 2/5

Dominic Sandbrook: Weltgeschichten. Der Weg in die Dunkelheit. Der Erste Weltkrieg, cbj 2022. Ab 10 Jahren. ISBN: 978-3-570-17909-3. €14.

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