Mir ging es darum, sie zu kennen

Wilma Geldof über ihre Recherche zu „Reden ist Verrat“, Wahrheit und historische Jugendliteratur

Portrait Wilma Geldof
Wilma Geldof

Vor einiger Zeit habe ich hier im Blog Wilma Geldofs „Reden ist Verrat“ besprochen. Das Buch setzt sich mit Freddie Oversteegens Geschichte als aktives Mitglied des niederländischen Widerstands gegen die deutsche Besatzung im Zweiten Weltkrieg auseinander. Ich mochte den Roman unglaublich gerne und bin darum sehr dankbar, dass Wilma Geldof mir einige Fragen zu ihrem Rechercheweg beantwortet hat.

Wie Sie wissen, war ich von „Reden ist Verrat“ sehr begeistert. Ich mochte vor allem, dass Sie auch einen Einblick in Ihren Rechercheprozess geben. Könnten Sie trotzdem auch meinen Leser*innen hier einen kurzen Überblick geben, wie Sie auf die Idee zum Buch gekommen sind und was die ersten Rechercheschritte waren?

Es fing mit einem anderen Buch an. Übersetzt wäre der Titel „Jeden Tag ein Tropfen Gift“. Das Buch erzählt von einem Jungen, der in einer Nazi-Familie aufwächst und zu einem überzeugten Nazi erzogen wird. Ich schrieb darüber, weil – und ich hasse es, das sagen zu müssen – mein eigener Vater (lange bevor ich geboren wurde) ein Mitglied des NSB, der nationalsozialistischen Partei der Niederlande, war, die mit den Deutschen kollaborierte.

Nachdem ich das Buch geschrieben hatte, sagte mein Verleger: „Jetzt schreib ein Buch über ein Mädchen im Widerstand!“ Aber mir war überhaupt nicht danach. Ich hatte den Zweiten Weltkrieg satt. Stattdessen schrieb ich ein Kinderbuch, eine Ode an die Fantasie. Danach scheiterten einige Geschichten und dann begann ich über Mädchen im Widerstand zu recherchieren. Ich stieß sofort auf die Geschichte von Freddie, die während des Zweiten Weltkriegs in meiner Heimatstadt lebte. Was ich im Internet las, nahm mich sofort gefangen. Was macht es mit dir, wenn du in diesem jungen Alter tötest? Ich spürte, dass ich ihre Geschichte aufschreiben will.
Ich konnte Freddie über das Internet nicht erreichen. Also kontaktierte ich die Hannie Schaft Stiftung, die sich aktiv für das Erinnern an den Widerstand im Zweiten Weltkrieg einsetzt, und erhielt die E-Mail-Adresse ihrer Tochter. Mit ihrer Hilfe konnte ich ein Treffen mit Freddie verabreden.

Freddie wusste, warum ich sie besuche. Aber das erste, was sie sagte, als sie in der Tür stand, war: „Ich werde das nicht machen!“ Zu meiner Erleichterung durfte ich aber trotzdem eintreten und es gelang mir, eine Verbindung aufzubauen. Am Ende war sie sehr zufrieden mit dem Buch, auch wenn sie leider starb, bevor es erschien. Sie vertraute mir ihre Geschichte an.

Aus meiner eigenen Erfahrung als Historikerin weiß ich, dass es schwierig sein kann, eine Person zu treffen, diese zu interviewen, mit ihr zu sprechen – und dann distanziert auf das Erzählte zu schauen und nicht Sympathien oder Asympathien das Bild und die Analyse verwischen zu lassen. Hatten Sie ähnliche Probleme, nachdem Sie Freddie Oversteegen getroffen hatten?

Ich kann mir gut vorstellen, was Sie da schildern, aber da hatte ich bei Freddie gar keine Sorge. Viele Details ihrer Kriegsgeschichte erinnerte sie nicht mehr und andere Dinge waren zu schmerzhaft, um sich daran zu erinnern. Ich versuchte vor allem, sie gut kennenzulernen: zu verstehen, wer sie war und wer sie gewesen war. Mir ging es mehr darum, sie zu kennen, sie zu verstehen, weniger darum, ob ich sie mag oder nicht. – Auch wenn ich finde, dass sie wirklich liebenswert war, was natürlich schön war.

Manchmal sah ich die junge Freddie aufblitzen. In der Geschichte habe ich mir selbst die Freiheit gegeben, ihre Erzählung in Fiktion zu verwandeln. Trotzdem musste es authentisch bleiben. Darum war ich sehr froh, dass ihre Tochter sagte, sie erkenne ihre Mutter in der Protagonistin im Buch wieder.

Dem Buch ist anzumerken, wie detailliert und intensiv die Recherche war. Trotzdem bleibt es ein Stück Fiktion und das betonen Sie im Nachwort auch besonders. Warum war es Ihnen wichtig, das noch einmal so herauszustellen?

Freddie hatte kein Problem damit, dass ich Dinge geändert habe. Sie mochte es zum Beispiel sehr, dass ich ihr einen Freund gegeben habe! Für mich war das wichtigste, dass es eine wahrhaftige und ehrliche Geschichte wird und ich denke, das hat sie gemerkt. Ich war froh, dass Freddies Familie mich nicht gebeten hat, das Manuskript vor der Veröffentlichung lesen zu dürfen. Das gab mir Freiheit. Ich will nicht über das Publikum oder Reaktionen nachdenken, während ich schreibe. Aber als die Geschichte fertig war, machte ich mir doch Gedanken, wie die Familie reagieren würde. Um ehrlich zu sein: Ich schrieb das Nachwort im Gedanken daran. Zum Glück war die Familie sehr zufrieden mit dem Buch und froh darüber!

Sie sprechen von einer „wahrhaftigen, ehrlichen Geschichte“. Könnten Sie vielleicht erklären, was das für Sie bedeutet im Kontext einer Geschichte?

Es ist unmöglich, die Wahrheit vollständig zu beschreiben. Schon allein die Entscheidungen, die du triffst, weil du nicht alles erzählen kannst, sind subjektiv. Aber ich wollte, dass die Geschichte integer ist. Was ich meine ist: Mir ist wichtiger als dass etwas genau „wahr“ ist (falls das überhaupt möglich ist), dass es „ehrlich“ ist, also dass es authentisch und für die Geschichte stimmig ist. Ich habe zum Beispiel die anzüglicheren Szenen, in denen Freddie Nazis verführen muss, nicht ausgeweitet, obwohl es mir durchaus Spaß machte, diese Szenen zu schreiben. Ich wollte sie nicht zu einer „femme fatale“ machen, weil sie und ihre Schwester das einfach nicht waren. In den Sozialen Medien (vor allem Instagram) werden diese verführerischen Seiten betont, weil sie die Fantasie anregen. Aber Freddie war eben keine „femme fatale”. Vielmehr hatte sie „me-too”-Erfahrungen und war eine traumatisierte Frau.

Könnten Sie vielleicht noch genauer schildern, wie die Recherche neben den Gesprächen mit Freddie ausgesehen hat? Haben Sie viel in Bibliotheken gesessen?

Recherche ist wichtig. In einer Geschichte muss alles stimmen und das ist bei einer historischen Geschichte noch viel mehr der Fall. Wenn drei Prozent des Buches nicht stimmig sind, werden die Leser*innen hundert Prozent nicht glauben. Ich habe noch das kleinste Detail überprüft. Weite Teile der Recherche konnte ich online durchführen, aber ich habe zum Beispiel auch das NIOD, das Niederländische Institut für Kriegs-, Holocaust- und Genozidforschung, besucht und dort unveröffentlichte Dokumente eingesehen. Ich hatte schon die Szene der ersten Liquidation im Stadtpark von Haarlem geschrieben. Aber dort las ich die ausführliche Aussage von Widerstandsanführer Frans van der Wiel: für die erste Liquidation hatten sie ein Messer benutzt, keine Pistole, weil sie noch keine Pistolen hatten. (Das änderte sich nach dieser Liquidation). Also änderte ich das. Natürlich besuchte ich auch die Orte, die im Buch eine Rolle spielen. Das tat ich später auch mit den deutschen und tschechischen Übersetzerinnen und tatsächlich habe ich da erst das erste Mal das Haus, in dem Freddie lebte, auch wirklich betreten. Manchmal konnte ich auch keine Antworten auf meine Fragen finden. Dann habe ich Historiker*innen um Rat gefragt.

Um auf den Unterschied zwischen Fakt und Fiktion zurückzukommen: Wie sind Sie mit diesem Problem umgegangen? Wann haben Sie der Fiktion gewissermaßen erlaubt zu übernehmen und warum?

Ich wollte eine ehrliche Geschichte darüber schreiben, was die Besatzung mit Freddie macht, wie sie sie verändert. Ich veränderte manche Dinge, weil eine Geschichte andere Zutaten braucht als die Realtität. Es braucht einen Spannungsbogen, einen Handlungsstrang und klare Charaktere.

Freddie erfüllt harte Aufgaben, sie liquidiert Nazis. Die Geschichte brauchte jemanden, der komplett gegenteilig darüber denkt. Jemanden, der ihr viel bedeutet. Das intensiviert den Konflikt. Darum fügte ich Peter zur Geschichte hinzu. – Und auch, weil ich Liebesgeschichten mag.

Diese Widerstandsgruppe wurde nicht wirklich verraten, es gab aber zahlreiche andere, bei denen genau das geschah. Ich recherchierte das alles. Wenn ich mich allein an die „Wahrheit” gehalten hätte, wäre es eine Geschichte von aneinandergereihten Einzelereignissen geworden, ganz ohne Spannungsbogen.

Ich habe übrigens nicht nur Dinge hinzugefügt, sondern auch welche weggelassen. Manche Dinge habe ich abgeschwächt, denn die Realität war unglaublich. Hannie, Truus und Freddie mussten zum Beispiel am Ende des Krieges Pakete ausliefern. Sie fuhren Strecken von 50 Kilometern (100 Kilometer hin und zurück) auf schlechten Fahrrädern, unterernährt, in der eisigen Kälte, mit Waffen in der Tasche (gefährlich!) und in zu dünner Kleidung. Das ist wirklich passiert, aber ist das glaubhaft? Ich gab ihnen dicke Jacken. Dann ist es zwar immer noch alles ziemlich schlimm, aber etwas glaubhafter. Manchmal ist die Wahrheit einfach unglaublich. Manchmal muss man die Realität etwas verbiegen, um eine wahrhaftige Geschichte erzählen zu können.

Ein anderer Aspekt, den ich besonders am Buch mag, ist die Tatsache, dass es eine niederländische Perspektive auf den Zweiten Weltkrieg schildert. – Eine Perspektive, die manchmal nicht so präsent im deutschen Diskurs (und gerade der Kinder- und Jugendliteratur) ist, wie sie es sein könnte oder sollte. Das gilt natürlich auch für andere besetzte Staaten. Was dachten Sie, als Sie hörten, dass ein deutscher Verlag die Rechte am Buch gekauft hatte?

Natürlich war ich begeistert! Ich dachte: Wow! Das Buch ist auch (oder wird noch) ins Italienische, Tschechische und Bosnische übersetzt worden. Aber ich freue mich am meisten über die deutsche Übersetzung. Ich war neugierig, wie deutsche Leser*innen auf das Buch reagieren würden. Die meisten deutschen Soldaten in diesem Buch werden nicht positiv dargestellt, manche werden umgebracht. Ich konnte nicht wirklich einschätzen, wie das für junge deutsche Leser*innen sein würde. Aber es stellte sich heraus, dass die deutscher Leser*innen Freddies Perspektive sehr gut einnehmen konnten. Deutsche Jugendliche sind viel bessere Leser*innen als Niederländische!

Es überrascht mich, dass deutsche Jugendliche besser lesen als Niederländische. Wie kommen Sie zu diesem Eindruck?

Ich sprach mit den „Bücherfressern“ vom Buchpalast in München. Die Leser*innen dort sind zwischen 13 und 18 Jahren alt – und sie lesen so gut! Sie lesen so viel! Ich war auch beeindruckt von der Art und Weise, wie sie über die Geschichten sprachen. Natürlich sind das keine durchschnittlichen jugendlichen deutschen Leser*innen, aber leider schneiden niederländische Jugendliche schlecht ab beim Lesen – das zeigt auch die PISA-Studie. Etwas muss sich also dringend ändern am niederländischen Bildungssystem!

Kinder- und Jugendliteratur wird oft so wahrgenommen, als habe sie einen besonderen erzieherischen Auftrag. Wie sehen Sie das? Und was würden Sie sagen, wie „Reden ist Verrat“ in dieses Bild passt?

Ich ziehe es vor, das Buch als ein literarisches Werk zu sehen und nicht als etwas erzieherisches. Ich habe es nicht als pädagogisches Werk geschrieben. Aber natürlich finde ich es toll, wenn es für pädagogische Zwecke genutzt werden kann!

Vielen Dank für das spannende Gespräch!

Hier geht es zu Wilma Geldofs Homepage: https://wilmageldof.nl/wilmageldof/

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.