Eine Welt aus den Fugen

Dorit Linkes „Wir sehen uns im Westen“

Cover "Wir sehen uns im Westen" von Dorit Linke

Das Jubiläumsjahr 2019 sorgt dafür, dass jeder Kinder- und Jugendbuchverlag, der etwas auf sich hält ein „Wendebuch“ bringt (guckt euch dazu auch mal das Interview mit der Geschichtsdidaktikerin Dr. Rox-Helmer an, hier im Blog). Neueste Geschichte für Jugendliche erzählt – „Grenzgänger“ zum Beispiel habe ich hier schon besprochen, andere Projekte aus dieser Zeit folgen noch. Es gibt aber natürlich auch Autor*innen, die sich jenseits von Trends sowieso schon mit dem Thema Ost- und Westdeutschland auseinandersetzen. Eine davon ist Dorit Linke, deren „Jenseits der blauen Grenze“ ich hier schon begeistert besprochen habe. Mit „Wir sehen uns im Westen“ hat sie nun ein kurzes und knappes Juwel zum 9. November 1989 geschaffen.

Das Buch ab 13 Jahren ist in der Reihe „Carlsen Clips“ erschienen, die sich explizit kurze Texte und knappe und klare Sprache auf die Fahnen geschrieben hat. Auch das Cover soll offensichtlich eine nicht ganz so buchaffine Zielgruppe reizen. Schade ist das, weil es irgendwie ein bisschen am Thema vorbei geht, das Foto nicht gerade auf die Beschreibung der Hauptfiguren passt. All diese Oberflächlichkeiten, das gezielt Pädagogische des Verlags, sollten jedoch nicht davon abhalten, dieses Buch zu kaufen, aufzuschlagen, zu lesen und zu genießen. Denn ja, Dorit Linke verwendet hier eine klare Sprache. Aber auch eine schöne. Und sie verzichtet keinesfalls auf Ambivalenzen oder Uneindeutigkeiten, vereinfacht nicht die vielen Grautöne deutsch-deutscher Nachkriegs-Vergangenheit.

Liebe über die Mauer hinweg

Die Geschichte wird aus der Sicht zweier Jugendlicher erzählt. Nina ist vor etwa einem Jahr mit ihren Eltern aus der DDR ausgereist und lebt nun in Westberlin. Der Text macht deutlich, was das Stellen eines Ausreiseantrags für sie und ihre Familie bedeutete – soziales Stigma, materiellen Verlust, vor allem aber die Trennung von Freund*innen. Nina schmerzt vor allem, dass sie ihren Freund Lutz nicht mehr sehen kann, auch wenn er ihr tapfer und trotz aller Schwierigkeiten Briefe in den Westen schickt. Als sie in den Nachrichten hört, dass die Mauer offen ist, will sie nur eines: zu Lutz! Lutz hingegen will nichts anderes, als Nina suchen und macht sich gegen den Widerstand seiner Eltern auf in den Westen.

Klar, ein bisschen Drama ist bei dieser Liebesgeschichte auch dabei. – Aber eben nicht nur. Da ist Lutz, der nicht weiß, ob er mit seinem lila Irokesen nun eigentlich den westdeutschen Punkern ähnlicher ist, denen er begegnet, oder nicht doch dem Pärchen aus Pankow, das mit ihm die Grenze überquert hat. Da ist Nina, die sich auf dem Dach ihres alten Hauses in Ostberlin daran erinnert, wie frei sie sich als Kind hier immer gefühlt hat. Dorit Linke gelingt es wie schon in „Jenseits der blauen Grenze“ meisterhaft, das Unrechtsregime der DDR aufzuzeigen, die Alltagsprobleme und -sorgen zu beschreiben und gleichzeitig eben nicht alles schwarz-weiß zu malen, sondern die Nuancen dazwischen sichtbar werden zu lassen. Da sie selbst 1971 in Rostock geboren ist, kennt sie das Gefühl, als Jugendliche in der DDR zu leben und das ist den Texten deutlich anzumerken. „Wir sehen uns im Westen“ ist ein knappes Buch, ja, aber manchmal braucht es eben keine 300 Seiten, um eine rundum gute Geschichte zu erzählen.

Gestaltung 5/5
Sprache 5/5
weiterführende Tipps 0/5
Handlung 5/5

Dorit Linke: Wir sehen uns im Westen. Ab 13 Jahren. Hamburg: Carlsen 2019 (Carlsen Clips). ISBN: 978-3-551-31841-1. € 4,99.

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