Weltgeschichte kollektiv gedacht

Cover "Wir und unsere Geschichte"
c Moritz Verlag

Wir und unsere Geschichte“ – der Titel mutet sprachlich etwas schwierig an. Sollte das „wir“ nicht am Ende stehen? Aber schnell wird klar: Diese Überschrift ist programmatisch zu begreifen. Yvan Pommaux und Christophe Ylla-Sommers legen mit diesem großformatigen Bilderbuch ab 9 Jahren eine Weltgeschichte vor, die vor allem eines in den Fokus nimmt: Uns.

Der Ansatz ist klar erkennbar und doch nicht unangenehm pädagogisch. Die Autoren erzählen uns eine Geschichte der Menschheit, die vor allem deutlich machen soll, dass wir trotz aller Unterschiede am Ende eine Familie haben, eine Geschichte teilen. Auf 96 Seiten schaffen sie einen Ritt durch die Geschichte vom Urknall bis heute. Dabei muss natürlich vieles oberflächlich bleiben, umso erstaunlicher ist allerdings, wie ausgewogen das Buch an vielen Stellen erzählt: Wenn es etwa um die Malerei im 16. Jahrhundert geht, kommen Künstler aus Indien, Japan, Flandern und Italien zu Wort und berichten, wie bei ihnen gerade gearbeitet wird. Dazu gibt es leicht verfremdete Stilbeispiele, die das Erzählte visuell verdeutlichen.

Verzicht auf große Namen

Überhaupt ist die tiefe Verschränkung zwischen Text und detaillreichen Illustrationen wohl das größte Hilfsmittel, mit dem „Wir und die Geschichte“ aufwartet, denn wie groß die Zeitsprünge auch sein mögen, die Illustrationen lassen Kontinuitäten und Brüche unschwer erkennen.
Einzig irritierend bei der Erzählung bleibt der völlige Verzicht auf große Namen. Alexander der Große beispielsweise wird erwähnt, ohne dass sein Name genannt wird. Das Ziel ist erneut, eine Egalität zu erzeugen, die überrascht, weil gleichzeitig an wertenden Begriffen wie etwa „Ausbeutung“ nicht gespart wird und so eine klare Einordnung der Geschehnisse erfolgt. Erst ganz am Ende des Buches schlagen die Autoren einige große Persönlichkeiten vor, die ja noch einmal recherchiert werden könnten. – Hitler allerdings fehlt auch hier, insofern wird nicht jede im Buch genannte Person aufgelistet. Eine weitere Auffälligkeit: Osteuropa taucht erst auf, als die Sowjetunion Thema wird und dementsprechend verschwindet es auch eine Seite später schon wieder.

Fazit: „Wir und unsere Geschichte“ macht uns gleich und ungleich, erzählt von der Menschheit als Ganzem und unterschlägt dabei die vielen Grausamkeiten der Geschichte nicht. Ob die These, dass unsere Zeit vielleicht einmal als die der radikalen Veränderungen im Verhältnis der Geschlechter in die Geschichtsschreibung eingehen könnte, darf bezweifelt werden. Es sind aber gerade Thesen wie diese, unaufgeregt vorgetragen, die „Wir und unsere Geschichte“ so lesenswert machen. Denn nicht nur erzählt uns dieses Buch Geschichte, es bringt uns auch dazu, darüber nachzudenken und zu diskutieren. Was helfen dabei Namen? Viel wichtiger sind doch Gesamtzusammenhänge, anschaulich erzählt. Wer darauf Lust hat, ist hier genau richtig!

Gestaltung 5/5
Sprache 5/5
Didaktik 4/5
weiterführende Tipps 2/5
Handlung 5/5

Yvan Pommaux und Christophe Ylla-Somers (Text), Nivole Pommaux (Kolorierung): Wir und unsere Geschichte. Aus dem Französischen von Tobias Scheffel. Ab 9 Jahren. Frankfurt am Main: Moritz 2015 [hier 3. Auflage 2018]. ISBN: 978-3-895-65303-2. € 26.

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