Jugend in Totalitarismus und Krieg

„Wo die Freiheit wächst“ erzählt von der Suche nach Freiheit im Nationalsozialismus

Cover Wo die Freiheit wächst
c arsEdition

Ein Briefroman. Und dann auch noch so ein dicker Wälzer. Doch diese Vorurteile zählen hier nichts. Jedes Wort, jeder Satz, jede Seite von „Wo die Freiheit wächst“ (ab 14 Jahren) ist lesenswert. Frank Maria Reifenberg schafft es in diesem Jugendbuch über die Edelweißpiraten, uns die Realität des Zweiten Weltkriegs so nahe zu bringen, dass sie weh tut.

Dabei fängt es relativ harmlos an – Lene, von der wir die meisten Briefe lesen dürfen – schreibt ihrer besten Freundin Rosi. Denn die ist nicht mehr in Köln, sondern mit ihrer Mutter auf’s Land gezogen. Es ist 1942 und die Mutter hatte Angst vor den zunehmenden Bombenangriffen. Klar, dass die Mädchen sich von nun an per Post auf dem Laufenden halten. Und es gibt eine Menge zu erzählen. Lene hat nämlich gleich drei Geschwister zu versorgen und die psychisch labile Mutter gleich mit. Und dann ist da noch Erich, ein alter Bekannter, den sie zufällig wieder trifft. Und der sie mitnimmt zu seinen Freund*innen. Erst weiß Lene nicht so recht, was sie mit ihnen anfangen soll. Aber dann gerät sie immer mehr hinein in den Dunstkreis dieser Jugendlichen, die keine Lust auf HJ und BDM haben und lieber mit der eigenen Klampfe und bunter Kluft gemeinsam durch die Wälder wandern. – Und teilweise auch brisante politische Diskussionen führen.

Briefe von der Front: Wehrmachtsverbrechen und Stalingrad

Neben Lene und Rosi schreiben auch Erich und vor allen Dingen Franz gelegentlich. Franz ist Lenes großer Bruder. Er ist bereits eingezogen und wird natürlich von Lene bestens über die Ereignisse in Köln auf dem Laufenden gehalten. Immer wieder wird auch das Medium Brief thematisiert: Was können wir schreiben, was nicht? Nachdem Rosi wegen eines Briefs von Lene massive Probleme bekommt, werden bestimmte Dinge codiert oder nur noch erzählt, wenn die Briefe von Bekannten persönlich übermittelt werden. So kann auch Franz von den Gräueln der Ostfront berichten. Er schreibt von seiner Betroffenheit über die Massenerschießungen, das Verscharren der Leichen, die Angst. Einerseits bleibt so die Identifikationsfigur natürlich unschuldig an den Verbrechen der Wehrmacht. Wenigstens aber werden sie erzählt.

Frank Maria Reifenberg berichtet also schonungslos vom Krieg, aber er erzählt auch von den schönen Momenten. Er macht deutlich, wie Alltag möglich, wie all das Kriegsleid überhaupt erträglich war. Und er ist ehrlich: Erzählt, wie der Spalt von Denunziation, von Führerglaube und „Vaterlandsverrat“ mitten durch Freundschaften und Familien ging, wie furchtbar einfach und selbstverständlich es war, mitzulaufen, wegzugucken, begeistert mitzumarschieren. Bei alledem sind vor allem Lene, Erich und Franz so grundsympathisch, dass das offene Ende des Buches einem fast das Herz zerreißt. Lenes Sehnsucht nach ein bisschen Freiheit, nach ein bisschen selbstbestimmter Jugend, sie ist wehmütig machend und ansteckend zugleich. Ihr Weg hin vom reinen Meckern hin zum immer offener Aufmucken ist ein Kampf, der mitfiebern lässt.

Eine besondere Stärke ist dabei natürlich die Erzählform des Briefromans. Nicht nur lässt sie weibliche und männliche Perspektive aufscheinen, auch macht sie unterschiedliche politische Positionen und charakterliche Dispositionen und deren Umgang mit dem nationalsozialistischen Regime direkt erleb- und nachvollziehbar. Der Vergleich dieser Haltungen, ihr Dialog und ihr Nebeneinanderstehen machen es heutigen Leser*innen leichter, sich selbst dazu in Bezug zu setzen. Hitzige Diskussionen etwa zwischen Lene und Rosi zwingen automatisch zum innerlichen Mitdiskutieren. Wie viel unterschiedliche politische Überzeugung kann Freundschaft ertragen?

Wissenschaftlicher Kommentar und Lesetipps zu den “Edelweißpiraten”

Dieses Buch ist unfassbar wichtig! Auch, weil ein erklärendes Nachwort sowie ein wissenschaftliches Geleitwort von Martin Rüther vom NS- Dokumentationszentrum der Stadt Köln für eine solide Einordnung des Geschriebenen sorgen. Hier erfahren wir mehr über die Wahrscheinlichkeit der Briefe sowie über die Bezeichnung „Edelweißpiraten“. Dass deren Tätigkeit im Untertitel des Buches vereinfachend als „Widerstand“ angegeben wird, wird dem tollen Text und seiner differenzierten Darstellung nicht gerecht. Wie Johannes Herwig in „Bis die Sterne zittern“ (Rezension hier) gelingt es Reifenberg, die Gründe für ein Anders-Sein in all ihren Facetten darzustellen. Lesen! Lesen! Lesen! (Und gerne mehrfach!)

Gestaltung 5/5
Sprache 5/5
Didaktik 5/5
weiterführende Tipps 5/5
Handlung 5/5

Frank Maria Reifenberg: Wo die Freiheit wächst. Briefroman zum Widerstand der Edelweißpiraten. Ab 14 Jahren. München: arsEdition 2019. ISBN: 978-3-8458-3528-0. € 12,99.

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