Schokolade und Familiengeheimnisse

„Zartbittertod“ greift deutsche Kolonialgeschichte auf

Cover "Zartbittertod"
c cbt

Dass intensiv über die deutsche koloniale Vergangenheit debattiert wird, ist eine begrüßenswerte Entwicklung der letzten Jahre. Erst kürzlich hat die Bundesregierung endlich die Verbrechen an Herero und Name als Völkermord anerkannt – ein erster Schritt. Elisabeth Herrmann greift dieses Kapitel der deutschen Geschichte in ihrem Thriller „Zartbittertod“ für Menschen ab 14 gekonnt auf. Schade nur: Irgendwie fehlt es dann doch an Tiefe.

Von der Handlung soll hier natürlich nicht zu viel erzählt werden, denn spannend ist der Plot an sich auf jeden Fall und ich habe das Buch trotz allen Meckerns, das nun folgen wird, gerne und schnell gelesen. Trotzdem hier ein grober Überblick zur Handlung: Mia steht am Umbruch zwischen Abi und Berufswahl. Da sie die Schokoladenmanufaktur ihrer Eltern nicht übernehmen kann – der große Bruder hat das Zugriffsrecht – entscheidet sie sich für den Journalismus. Sie beschließt, für eine Aufnahmeprüfung auf die Suche nach der Geschichte ihres Vorfahren Jakob zu gehen, der Anfang des 20. Jahrhunderts aus Deutsch Süd-West nach Deutschland kam. Doch schon bald kommt Mia an ihre Grenzen: Die wenigen Briefe, die von Jakob erhalten sind, kann sie nicht entziffern. Und ihre große Hoffnung auf weiteres Wissen, der Schokoladenfabrikant Wilhelm Herder, stirbt, bevor Mia eintrifft. Mia bleibt dennoch in Lüneburg bei der Familie Herder und schlittert mehr oder weniger unfreiwillig immer tiefer in eine Mordserie hinein. Irgendjemand weiß offensichtlich mehr über Mias Familienvergangenheit…

Handwerkliche Ungenauigkeiten

So gut der grundsätzliche Plot ist, so nervig sind handwerkliche Fehler. Es wird immer wieder betont, wie sehr Mia sich darüber ärgert, dass sie in der Schule so gar nichts über die Kolonialzeit gelernt hat. Den Ärger kann ich teilen, irritierend ist dann aber, dass die personale Erzählstimme zwischendurch plötzlich doch Erklärungen einschiebt, die historisches Hintergrundwissen vermitteln. Genauso ein Bruch mit der Rolle ist es, wenn Mia und der Enkel Wilhelm Herders, nachdem zuvor deren Nicht-Lesen-Können der überlieferten Schriftstücke zentraler Bestandteil des Plots war, plötzlich doch das Tagebuch des Firmengründers Gottlob Herder lesen können. Dass dann auch noch das Ende übertrieben Happy sein muss, ist für mich eben wirklich ein wenig zu viel des Guten.

Pro: Quellengebrauch; Contra: fehlende Tiefe

Lobens- und hervorhebenswert ist, dass Herrmann über den am Völkermord an den Herero beteiligten Gottlob Herder und sein Tagebuch wichtige Wissenslücken schließt und hier Geschichte durchaus spannend erzählt. Für mich besonders toll ist daran, dass Herrmann zum Teil direkt aus einem tatsächlichen Zeitzeugenbericht zitiert und diese Zitate aufgrund der Textgestaltung transparent macht. Dass Herrmann selbst sich dafür im Nachwort mehr oder weniger entschuldigt, macht deutlich, wie weit unsere Ideen davon, wie Geschichtsvermittlung im Jugendbuch aussehen könnte, auseinander liegen.

Gestört hat mich auch, dass mehrfach die Verbindung von den kolonialen Verbrechen hin zum Nationalsozialismus als eine vollkommen lineare erzählt wird. Hier wird Geschichte massiv verkürzt und vereinfacht.

Auf der Plusseite: Ein guter Schmöker mit direkter Quellenverwendung. Auf der Minusseite: die oben genannten handwerklichen Fehler und Verkürzungen. Besonders schade finde ich allerdings, das ein Buch, das so stark auf fehlende Informationen verweist und sich explizit an eine jugendliche Zielgruppe wendet, nicht am Ende informierte Lektüretipps gibt, um weiteres Wissen zu vermitteln.

Sprache 5/5
weiterführende Tipps 0/5
Didaktik 2/5
Handlung 3/5

Elisabeth Herrmann: Zartbittertod. cbt 2020. Ab 14 Jahren. ISBN: 978-3-570-31324-4, €10.

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