Zwischen Fiktion und Erinnerung – Judith Kerr: Ein Seehund für Herrn Albert

Cover ein Seehund für Herrn Albert

Zugegeben, „Ein Seehund für Herrn Albert“ passt irgendwie nur so halb in diesen Blog. Da ist natürlich einerseits die Autorin, Judith Kerr, deren „Als Hitler das rosa Kaninchen stahl“-Bücher wohl zu den meistgelesenen Texten gehören, die Kindern zu dieser Thematik angeboten werden. Damit hat „Ein Seehund für Herrn Albert“ aber fast gar nichts zu tun. Diese Geschichte ab 6 Jahren ist vielmehr eine Einladung, darüber nachzudenken, wie wir eigentlich mit Erinnerungen umgehen.

Ein Seehund gegen die Einsamkeit?

Herr Albert ist alt und hat darum seinen Kiosk verkauft – aber ach, wohin mit all der neu gewonnenen Freizeit? Er entschließt sich, erst einmal die Verwandtschaft am Meer zu besuchen. Bei seinem Ausflug wächst Herrn Albert jedoch eine Aufgabe zu, die deutlich größer ist, als er gedacht hätte: Auf einmal muss er sich nämlich um den kleinen Seehund Charlie kümmern, dessen Mutter erschossen wurde. Herr Albert nimmt seinen Schützling mit in die Stadt und will ihn im Zoo abgeben, aber der hat schon geschlossen. Also kommt Charlie kurzerhand mit zu Herrn Albert nachhause – und sorgt für jede Menge Chaos. Ein Glück nur, dass Herr Albert auf nette Menschen trifft, die ihm zur Seite stehen!

Die Stärke von Judith Kerrs Erzählung liegt darin, dass sie keineswegs ein Idyll zeichnet. Von der erschossenen Seehundmutter bis hin zu fiesen Hausmeistern – die Welt in diesem Kinderbuch ist keineswegs rosarot. Umso berührender sind die hier geschilderten Begegnungen von Offenheit und Miteinander, die Charlie (und natürlich auch Herrn Albert) am Ende ein gutes Ende bescheren.

Fiktion und Wirklichkeit – Dürfen wir Geschichte umschreiben?

Ist die Geschichte schon in sich rund und überzeugend, setzt das Nachwort noch einen besonderen Schlusspunkt. Denn hier beschreibt Kerr, wie sie auf die Geschichte gekommen ist: Tatsächlich hatte ihr Vater einmal einen Seehund gerettet. Viele der in der fiktiven Geschichte erzählten Elemente lassen sich in der Erinnerung an die Erzählung des Vaters wiedererkennen. Gleichwohl endete die Geschichte des Vaters traurig: Am Ende musste der kleine Seehund eingeschläfert werden. Kerr vermutet, dass sie vielleicht gerade deshalb der Geschichte noch einmal ein gutes Ende geben wollte. Dieses Schlusswort, das auch für die jüngsten Leser*innen schon spannend und verständlich ist, öffnet daher die Tür für einige Reflexionen: An was erinnern wir uns eigentlich und warum? Dürfen wir Geschichten einfach so verändern und wenn ja, müssen wir wenigstens dazu schreiben, dass wir sie verändert haben? Was ist „Wahrheit“, wenn Kerr doch die Geschichte einfach so umschreiben darf? – Da ließen sich noch vielerlei weitere Fragen finden. Gemeinsam gelesen und begrübelt ist dieses Buch nicht nur unheimlich herzerwärmend in einem absolut positiven, unkitschigen Sinne, sondern auch eine wahre Gedankenanschmeißlektüre, die ich wärmstens zum gemeinsamen Schmökern empfehlen kann.

Judith Kerr: Ein Seehund für Herrn Albert. Fischer Sauerländer 2016. Ab 6 Jahren. ISBN: 978-3-7373-5445-5, €12,00.

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